Archiv der Kategorie: Kurze Texte

Pandemie

Ich lese und lese und mit jedem Buchstaben, den ich aufnehme, wächst die Sehnsucht nach Ferne, auf eine Reise. Fremde, auch bekannte und vertraute Länder, Gegenden und Städte sind jedoch weit weg, wegen den Reiseverboten und Einschränkungen unerreichbar. Die Gedanken gehen dorthin, doch der Körper reist nicht mit. Die Fantasie bewegt sich an einem Stock fort. Sie humpelt, kommt kaum vorwärts.

Pandemie-Vergnügen @ Georges Scherrer

Mir jedem Buch, das ich lese, entfernt sich die äussere Welt von der inneren Welt. Über Streaming kommt die äussere Welt zu mir herein. Ich möchte aber zu ihr hinaus. In die Konzerte, Cafés und Bars, Musen sehen in den Museen und Menschen auf den Strassen und an den Stränden. Ich möchte wieder tief in die Welt eintauchen.

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In den Krimis liegt die Wahrheit

«Man entdeckte tatsächlich einige Häuser weiter…» – nein, keine Leiche und auch keine Tatwaffe, wie dies in Krimis so oft zu geschehen pflegt.

Vielmehr handelt es sich um ein Symbol, das heute wieder an Präsenz gewinnt. Viele Menschen hierzulande stellen fest, dass sich vermehrt Haar- und Bartschneider niederlassen. Unter anderem hat dies mit der Migration zu tun.

Der RWB-Zylinder @ Georges Scherrer

In verschiedenen Städten haben Zuwanderer aus dem Nahen Osten ihren traditionellen Barbiershop eröffnet und dies ganz einfach, um den Lebensunterhalt zu sichern.

«Man entdeckte tatsächlich einige Häuser weiter diesen Zylinder …» – genau: dieses Ding, versehen mit drei Streifen: rot, weiss, blau. Und dahinter, im Laden selber, Männer, die etwas fremdländisch wirken und an deren Anblick man sich noch nicht ganz gewöhnt hat. Und was wichtig: Im Raum keine einzige Frau!

Wenn das nicht verdächtig ist!

Er-sie-ich wittert schnell etwas Spezielles: Eine Verschwörung? Ist der rot-weiss-blaue Zylinder, der ohne Unterlass in seinem gläsernen Behälter dreht, ein geheimes Erkennungszeichen? Er verunsichert, vor allem weil man nicht weiss, was hinter diesem auffälligen Signal steckt.

Zwei Wege öffnen sich: Entweder geht man an dieser bedrohlichen Botschaft weiterhin mit misstrauischem Blick vorbei – oder dann auf den Grund. Fundorte können an ganz speziellen Orten ausgemacht werden.

Bei der Schatzsuche im aktuellen Krimi-Dschungel, wo man vor lauter Morden und Toten den einzelnen Baum nicht mehr sieht, gelingt ab und zu ein überraschender Fund. In diesem Fall liefert aus dem Vorborgenen der Literatur niemand Geringerer als Kommissar Jules Maigret den entscheidenden Hinweis.

Blick in Richtung Bronx @ Georges Scherrer

Der Franzose, der von Georges Simenon geschaffen wurde, investigierte für einmal in New York. Die Spurensuche führte ihn bis zur 169 Strasse und somit tief in die Bronx. Dort machte er dieses rotierende Gerät aus: «Man entdeckte tatsächlich einige Häuser weiter diesen Zylinder mit blauen und roten Streifen, der ein Coiffeurgeschäft ankündigt.»

Der Besitzer des Lokals, Angelino, stammte nicht aus Kurdistan, sondern ganz einfach aus Italien. Also, von wegen verkappte Geheimbotschaft irgendwelcher blutrünstiger Hadschinis oder Assassinis, die Bärte tragen. Ganz im Gegenteil.

Heutzutage fasst mit dem Zuzug von Menschen von anderswo her eine alte Tradition wieder Fuss. Es sind Leute, die ein stolzes Standesbewusstsein haben und ihr altes Zunftsymbol wieder aufleben lassen. Wenn ich das gewusst hätte, nie hätte ich in arger Unwissenheit den Satzteil «irgendwelcher blutrünstiger Hadschinis oder Assassinis» geschrieben.

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Die 18 auf dem Rücken

Fred Vargas hat mich nach Liestal entführt. Der Name Fred Vargas ist ein Pseudonym. Er ist zudem eine Hommage der Autorin an ihre Zwillingsschwester Jo Vargas.

Liestal ist ein Ort, der unter diesem Namen existiert. Nicht dass ich dort gewesen wäre, als kürzlich rund 7000 Personen ihr Ego maskenlos durch die Strassen des Städtchens trugen und auf diese Weise Covid bereitwillig den Weg zur Weiterverbreitung ebneten. Nach dem Prinzip: Der Virus soll uns noch lange erhalten bleiben!

Solche Leute, die das Leben und die Gesundheit der Nächsten aus eigennützigen Gründen aufs Spiel setzen und ihr Handeln hinter dem Schlagwort «Freiheit» verstecken, kann man eigentlich nur mit Nichtbeachtung strafen. Könnte man, wenn Fred Vargas nicht wäre! Denn diese Leute tragen eine grosse 18 auf dem Rücken.

Vargas schreibt in ihrem Werk «Pars vite et reviens tard», in welchem auch von einer Seuche die Rede ist, was es mit dieser Zahl auf sich hat. Dazu heisst es im Roman:

«Wieviel sind 18 Prozent von zwei Millionen?»

«Wer sind diese 18 Prozent?»

«Die Leichtgläubigen, die Ängstlichen, die Abergläubischen. Jene, die sich vor Sonnenfinsternissen, vor einem Jahrtausendwechsel, vor Predigern und vor den Weltenden fürchten.»

Ja, jene, die in Liestal in Covid-Zeiten ohne Schutzmaske oder als verschworene Gemeinschaft mit weissen Gesichtsmasken, als hätte sie der Kuckuck aus ihren Eiern herausgerufen, durch die Strassen pilgerten, tragen ein Zeichen auf dem Rücken, das sie niederdrückt. Der Hashtag #NoLiestal wird ihnen helfen, sich wieder aufzurichten.

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Tauwetter im Winter

Ratzekahl fast – nicht das Wetter, aber die frühlingshaft grün schimmernde Wiese.

Ratzekahl fast grau die umliegenden Häuser und der Himmel über ihnen.

Kinder haben sich als Tau erwiesen. Nicht als Schneeschmelze.

Weggeschleppt und weggezerrt haben sie den Schnee und so das Gras mitten im Winter freigelegt, als ob es Frühling wäre.

Kinder haben den Schnee weggeräumt. Nicht als Schneeschieber oder Streuwagen, sondern gewissenhaft und aufs Ziel gerichtet gesammelt.

Kinder verrichten ihren Winterdienst anders als Schneeräumfahrzeuge. Sie haben die Wiese freigelegt – nicht der Wiese wegen.

Sie wollen ein Haus bauen. Doch die Wiese ist klein. Dem Haus fehlen Fenster und Dach. Der aufgehäufte Schnee reicht nicht zum Haus. Wenn schon! Die Mauer steht, nicht hoch, aber steht.

Es bleibt der Eindruck von einem Haus, das dahin schmilzt, mitten im Winter als frühlingshafter Gruss.

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Rückblende in den Frühling

Wie war der Frühling 2020 schon wieder?

Antwort in einigen Bildern.

Wie wird der Sommer 2020 sein?

Die Antwort folgt im Herbst.

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CoronavirusNews: Bund opfert Schutzwälder COVID-19

Das Bundesamt für Gesundheit hat das Fällen von Schutzwäldern gestattet. Es will damit dem Notstand im Bereich der Papiertaschentücher entgegenwirken. Die massive Ausbreitung von COVID-19 führt dazu, dass die Papierindustrie der Nachfrage nach derartigen Hygieneartikeln nicht mehr zu genügen vermag.

Abwaldung in den Bergen

Das Bundesamt ist der Auffassung, dass Felsstürze, die durch das Abholzen von Wäldern verursacht werden, keine übertragbare, ansteckende Krankheit bilden. Weil die Übertragung des Virus das Bruttosozialprodukt des Landes aktuell stärker bedroht als der auftauende Permafrost, setzt das Bundesamt zum Schutz der Bevölkerung bei der Papierproduktion an.

Das Bundesamt warnt davor, Wälder in den Ebenen zu liquidieren. Denn diese Wälder eignen sich als bevorzugtes Naherholungsgebiet für die vom Virus geplagte Bevölkerung. Wälder gewähren Schutz vor Menschen, die den Virus tragen. Papiertaschentücher schützen vor der Übertragung des Virus auf andere Menschen.

Diese Güterabwägung rechtfertig aus Sicht des Bundesamtes, dass die Volksgesundheit schwerer zu gewichten ist als der Klimawandel. Der direkte Schutz der Menschen muss primär behandelt werden. MyClimat soll in der Gefahrenskala zu einem späteren Zeitpunkt wieder auf die Höchststufe gefahren werden.

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Nur nicht auffallen

Eigentlich wollte ich heute mit meinem Fahrzeug in der Waschanlage gar nicht auffallen.

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Albaufzug kündigt Vormarsch der Kälte an

Alpabzug – alle Jahre wieder: Von den Alpen wird das Vieh in festlichen Umzügen zu Tal getrieben.

Als ob das nicht genügen würde, um die Gespenster des Herbstes und des Winters auf den Plan zu rufen! Nein, tut es nicht!

Kürzlich sass ich zu Tisch, bereit zum Verzehr einer Speise. Doch Schreck! Mein Teller wurde von Trollen und verwunschenen Bäumen belagert, die je einen Gesandten an den Rand meiner Tournedos-Platte delegiert hatten.

© Georges Scherrer

Ich packte mich an der Nase, um zu prüfen, ob nicht die Weingeister ihr Unwesen auf der festlich gedeckten Tafel trieben. Der Test verlief negativ: Das taten sie nicht. Die Nase befand sich an ihrem Ort.

Wie war in dem Augenblick an Essen zu denken, wie doch Gletscher, Eis und Kälte mir unverfroren ihre Boten sandten? Ich glitt in eine tiefe Depression ab, die eine ganze Reihe von Wirrungen auslöste. Es summte und brummte und zwirlte in meinem Hirn, so dass mir ganz dumpf und schwer zu Mute wurde.

Albaufzug auf dem Tisch! Verwunschene Blume! Es gibt kein eindeutigeres Zeichen dafür, dass wieder Oktober ist, November und länger ins Jahr hinaus Dezember, Januar, Februar und noch weiter ins Jahr hinein der März und April, bis im Mai dann wieder Hoffnung keimt und er mit seinem Zauber schliesslich den ganzen Wintersabbat zum Teufel schickt.

Ich bin dann aus dem Schreckenstraum erwacht mit dem Ergebnis, dass ich bis heute nicht weiss, ob ich das zubereitete Mahl überhaupt verzehrt habe.

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Der Fisch ist keine Pflanze

Wer im Detail verweilt, erkennt das Ganze.

Georges Scherrer

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Der Mords-Sommer – Spannung exquisit

 

c G. Scherrer

Der Sommer begann mit einer Anfrage: Stehst du wieder als Experte für verfilmte Literatur zur Verfügung? Die Antwort „Ja“ führte dazu, dass die heissen Monate ganz anders verliefen, als ich gedacht: nämlich kriminell. Unter den verfilmten Büchern befindet sich der berühmte „Murder on the Orient Express“. Ich postete mir das Buch von Agatha Christie und – rein aus Neugier – gleichzeitig ein weiteres: „4.50 from Paddington“.

Wenn man sich auf die Arbeit als Experte vorbereitet, dann weiss man: Ich muss mich auf verschiedene Szenarien einstellen. Allgemein sagen viele unkundige Christie-Kenner, die Ägypten im Orient ansiedeln, der „Death on the Nile“ ähnle dem Orientexpress. Um mich als Experte auf Ungereimtheiten in der Arbeit der Prüflinge zu wappnen, beschloss ich also, in den zurückliegenden Sommermonaten auch die Geschichte auf dem „Nil“ zu lesen – mit der Folge:

Wieder einmal hat mich das Agatha-Christie-Fieber gepackt. Dies trieb mich dazu, nach der Nilfahrt zum Londoner Bahnhof Paddington zu greifen. Der Buchdeckel machte mich darauf aufmerksam, dass es sich um eine Miss-Marple-Geschichte handelt. Ich sagte mir sofort: Das lass ich mir nicht entgehen! Ich prüfte, ob es sich beim „Paddington“ um den ersten Marple-Auftritt handelt. Dem ist nicht so! Jane Marple trat über das Buch „The Murder at the Vicarage“ in die Weltliteratur ein. Die übrigen Marple-Stories sicherten ihr den festen Sitz im Olymp der Literaturgeschichte.

Mich nahm es selbstverständlich wunder, wie Agatha Christie ihre Miss Marple in die Literatur einführte. Jene, die damals, als das Buch erstmals erschien, den „Mord im Vikariat“ lasen, wussten nicht, welche Rolle die Autorin ihrer neuen Figur beimass. Heute wissen wir es. Ich las das Buch darum aus einer ganzen speziellen Spannungsperspektive: Wie wird Miss Marple werden, was sie geworden ist. Jetzt weiss ich es – und ich weiss auch: Der Sommer hat sich gelohnt.

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