Scham

Der Lockdown ist die Zeit, in der es keine Polizeistunde gibt; da alles viel früher schliesst – jetzt, am Abend, am Tag, im Monat und – dem Gefühl nach – schon das ganze Jahr über.

Ich gehe mit dem Hund spazieren. Er ist mein Zeuge. Die Strassen sind leer. Aus den Restaurants dringt nicht einmal Licht.

Es ist kein Dröhnen von Flugzeug-Motoren in der Luft. Zum guten Glück nicht. Es herrscht nicht Krieg. Es herrscht eine andere Atmosphäre. Es ist Friede. Für viele zu viel Friede. Sie möchten auf die Strasse und in die Gaststätten, Boutiquen und Konzertschuppen gehen.

Die wenigen Leute, die auf den schamlos leeren Abendstrassen anzutreffen sind, weichen einander aus – als ob Krieg wäre und der Feind überall.

Der Winter ist es nicht, der die Leute aus den Gaststätten treibt, auch wenn Kristalle vom Himmel fallen, klein wie diese Dinger, die niemand sieht und jeder meidet, so gut er kann.

Unverschämt ist es, wie sich die Stadt zeigt. In dieser Auszeit des gesellschaftlichen Lebens sieht es danach aus, als wolle niemand seine Nase draussen zeigen, sondern diese eingehüllt und eingepackt in einem eigenen Zuhause, der Maske, zurückbehalten, damit sie nichts von diesem Virus erschmeckt. Ja, hinter dem Hygienestoff versteckt sich das Gesicht der Menschen.

Das ist es: Bei den Gaststätten ist es genau umgekehrt. Beizen und Spunten halten ihre Läden dicht, damit niemand sieht, dass niemand in ihnen ist. Sie tun es unverhüllt, makellos und ohne Licht.

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