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„Glyzinie würde mich für diesen Fund tausendmal auf die Lippen küssen. Welch Widerspruch! Welche Poesie! Welch grandioser Kontrast! Auf der einen Seite, die gigantische Pyramide, die für die Ewigkeit steht, für das ewige Leben. Auf der anderen Seite der Tote auf der Bank am Fusse der Pyramide. Der Tote, der sich den Tod aus freien Stücken gab und dem Leben, welchem der Pharao mit seinem Bauwerk den Weg in die Ewigkeit öffnen wollte, einen Tritt versetzte. Ewigkeit und Endlichkeit stossen aufeinander. Die Pyramide kann aufheulen. Sie wird in den Boden gebohrt. Der Mensch steht über den Pyramiden und ihrer Botschaft. Glyzine wusste das, als sie stolz in ihren Tod ging. Die Geschichte ist wirklich einen meiner Friedhöfe wert, den Schönsten unter diesen. Hier, meine Leiche, ich, der den Tod aus freien Stücken wählte. Dort, der Pharao, welcher den Tod fürchtet und sich mit seinem Steinbau für die Ewigkeit gegen den Tod schirmt. Der allmächtige Pharao am Fusse seines Bauwerks vor den Kopf gestossen! Der Tote am Fusse der Pyramide hat den Schirm, den die Pyramide über sich hält, zugemacht. Dort, das Verbot, sich das Leben zu nehmen, hier der Schritt frei in den Tod. Mein freier Tod auf einer Bank am Fusse der Pyramide entlarvt das Bild von Ewigkeit auf gekonnte Weise, für welches die Pyramide steht. Das ist der Stoff, aus welchem Krimis sind.“

„Das hat rein nichts mit einem Krimi zu tun.“

„Oh doch, wir könnten die Geschichte noch verfeinern. Aus rein erzähltechnischen Gründen lag der Tote bisher auf einer Bank am Fusse der Pyramide, weil es nicht ganz so einfach ist, in das Innere einer solchen zu gelangen. Die Touristenwächter rund um die Pyramiden – “

„Diese nun im Plural?“

„Ganz sicher, denn wir wissen, um welche berühmten Pyramiden es sich in unserem Kriminalfall handelt.“

„Wir haben uns weit von Gregoris Perelmans Klarheit, Konsequenz und Schlichtheit entfernt.“

„Unterbrechen Sie mich bitte nicht die ganze Zeit! Ich verliere noch den roten Faden. Wo kommen wir hin! Ein Roman muss konsequent zu Ende gedacht werden.“

„Ich habe wirklich das Gefühl, dass wir alles durcheinander bringen.“

„Nicht doch! Wir sind ganz klar bei den Pyramiden und den Parkwächtern, die mit eherner Hand dafür sorgen, dass nicht jeder die Pyramiden, die Pyramide betreten – ich meinte: betritt.“

„Sagte ich doch. Einmal sind diese im Plural, ein andermal im Singular. Wie soll ich da verstehen, an welchem Ort wir stehen.“

„Ein für alle Mal: Bei den Pyramiden, den berühmten. Aber ich schlage nun vor, dass wir endgültig Perelmans konsequentes Denken auf den Punkt bringen und uns auf eine einzige Pyramide beschränken. Endgültig. Und zwar aus dem einen Grund. Bisher befand sich unser Toter auf einer Bank am Fusse der Pyramide – und jetzt kommen Sie mir bitte nicht wieder mit dem Plural – das würde mich völlig verwirren – der Pyramide. Der Qualität unseres Krimis würde es wirklich sehr bekommen, wenn wir diese Bank vom Fusse der Pyramide in ihr Inneres versetzen. Trotz aller Anstrengungen, die es bedeutet, mit der noch lebenden Leiche in diese Pyramide zu gelangen. Der Tod würde auf dieser Weise die Pyramide mitten in ihrem Herz treffen. Dieses Bild ist an Symbolik nicht zu überbieten.“

„Mathematisch gesprochen haben wir nach wie vor nun einen Toten. Ob in oder ausserhalb der Pyramide, das wird der Polizei mehr oder weniger egal sein. Sie wird höchstens zusätzlich untersuchen, ob der Tote sich rechtens im Inneren der Pyramide befand.“

„Ich denke, wir sollten für unsere Geschichte den Aufwand nicht scheuen, dass wir den Parkwächtern ein Schnippchen schlagen und den Toten in die Pyramide hinein befördern. Wir können ihn lebend in die Pyramide hinein gehen lassen. Der Symbolgehalt eines solchen Todes ist diese erzählerische Anstrengung und den Umweg über den Eingang der Pyramide durchaus wert.“

„Den erzählerischen Part überlasse ich gern Ihnen.“

Fortsetzung

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