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An diesem Abend gebärdete sich das Spiel jedoch widerspenstig. Nichts von alle dem, was das Schachspiel auszeichnet, trat ein. Ein Spiel, das die Definition „Spiel“ ehrenhaft trägt, fand nicht statt. Es entwickelte sich weder Spannung, noch setzte Zerstreuung ein. Die Züge entstammten jenem Machwerk eines gut geölten Systems, das sich im Lauf der Jahrtausende eingespielt hatte. Schach blickt auf eine lange Geschichte zurück. Nicht umsonst geht die Bezeichnung Schach auf den Titel der persischen Könige zurück. In den Jahren zwischen damals und heute setzte Schach viel Staub an. Dieser schien sich an diesem Abend auf dem Brett vor Kabar Extas in einer dicken Schicht nieder gelegt zu haben.

Kabar Extas stand auf und schritt in eine Ecke des Zimmers, wo Zeitungen gestapelt lagen. Er wusste genau, wo in den Zeitungen die Schachecken platziert waren. Er klaubte eines der Blätter heraus, von dem er wusste, dass er es noch nicht geöffnet hatte.

Mit dem Blatt kehrte er zurück zum Tisch und setzte sich vor das Brett, räumte die Figuren von diesem weg und stellte sie dann wieder gemäss der Vorlage, die er in Zeitung fand, auf. Er schloss das Blatt, brachte es auf den Stapel zurück, wandte sich wieder dem Brett zu und besah sich die aufgetischte Stellung. Die Farben verteilten sich gleichmässig. Dame und König beider Parteien hielten sich bereits in direkter Tuchfühlung zu den gegnerischen Linien, und zwar in einer ganz eigenartigen Weise: Sie befanden sich alle auf der gleichen Linie. Welch seltsames Schauspiel in einem Schachspiel! Das Schachproblem, das die Zeitung ihren Lesern vorsetzte, wirkte fast wie künstlich hingestellt. Kabar Extas dachte an die Begegnung auf dem Platz vor der Pizzeria. Dort hatten sie, Wilhelm Schnepfensskorn, Jette Pferd und diese Glyzinie, genauso gewirkt wie diese Figuren, wie vier Spatzen, auf einer Leitung aneinander gereiht, als wollten sie sich nichts sagen.

Diese Position sah Kabar Extas vor sich auf dem Brett. Er blickte auf ein neutrales Nebeneinander von Figuren. Die Figuren befanden sich auf dem Feld nicht in Opposition zueinander, sondern nebeneinander, wie Gardesoldaten, die auf eine Linie aufgereiht zum Gruss der Regimentsfahne antreten. Die Farben gliederten sich nicht als Phalanxen, zwei Linien in Opposition zueinander, Freund und Feind klar voneinander abgetrennt. Das Prinzip des kämpferischen Gegenübers, ein wesentliches Element des Schachs, wo zwei Farben ins Spiel gebracht werden, schien in der von der Zeitung gelieferten Aufstellung aufgehoben.

Und was noch fürchterlicher auf Kabar Extas wirkte in dieser Wirrnis der Organisation des Spiels: In diesem, wo die Dame die Dame sekundierte und die Könige selber diesen beistanden, indem Dame neben König stand, fochten Mann und Frau gemeinsam gegen das andere Paar. Der Beschauer des Bretts fühlte sich seltsam berührt.

Kabar Extas dachte an Jette Pferd und schaute auf sein Schachbrett. Des Schachspiels Reiz liegt im Kampf. Das Schachproblem, das die Zeitung anbot, entsprach diesem Kampf, auch wenn die vier Hauptfiguren des Schachs einträchtig auf einer Linie der Entwicklung des Spiels harrten. Einem König musste Schach geboten werden. Dann übernahm die Gegenseite wieder das Zepter.

Die Züge liessen sich berechnen. Das wusste Kabar Extas nur allzu gut. Die Lösungen lagen zuweilen auf der Hand. Er hatte aber an diesem Abend wenig Lust, sich mit Schach zu befassen. Er vertrat als intellektueller Vater beider Spieler die Auffassung, die vier Figuren müssten vorerst einmal aufgereiht auf ihrer Linie bleiben. Und es überraschte ihn auch gar nicht, dass die Figuren von Gewächs umrankt wurden. Sie standen in einem Wurzelwerk, das sich an ihnen hoch arbeitete. Die Köpfe erhielten Blätter. Wie Bäume stand das Schachheer auf dem Brett.

Die Wurzeln wucherten über das Brett und schlugen sich in die Felder hinein. Mit der Zeit wirkte es so, als überdeckten die Bäume das Brett vollständig. Zwischen den Wurzeln sah Kabar Extas etwas wie Erde, was sich aber bei genauerem Hinsehen ganz schnell als das Schachbrett entpuppte, das unter dem Gehölz hervor lugte.

Kabar Extas ging schneller und liess sein Schuhwerk durch das Laub rauschen, das den Waldboden bedeckte. Wie Regen vom Himmel war das Laub aus den Baumkronen gefallen und hatte den Boden als buntscheckigen Teppich bedeckt. Sobald der Schreitende seinen Fuss durch das Laub schob, wirbelte dieses leicht auf und fiel dann wieder auf den Boden zurück, aus welchem es durch den Schuh gehoben worden war.

Kabar Extas beschaute sich den Boden, schaute auf die vielen Baumstämme, die vor ihm herum- und hintereinander standen in solcher Zahl, dass er sie nicht zu zählen vermochte, und hinauf in die fast kahlen Kronen, durch deren verschachteltes und unendlich verzweigtes Astwerk der Herbsthimmel als glasklares Gewölbe herab schaute.

Kabar Extas blieb stehen und beobachtete, wie ein neues Blatt hinab auf den Grund des Waldes sank und sich in farblicher Einheit zu den anderen fügte. Er betrachtete die Blätter, die ohne Bewegung in so unermesslicher Zahl die weite Fläche des Walduntergrundes in einen farblich facettenreichen Teppich verwandelten, in welchem der Betrachter eine gewisse Regelmässigkeit auszumachen glaubte.

Der Boden wirkte zwar wie ein Flickwerk, das von verschiedensten Naturphänomen der anbrechenden Jahrszeit wie abgestorbenen Flechten und eingebrochenem Farn durchdrungen war, aus welchem aber die klar gezogenen Stämme der entlaubten Bäume wie eine unendliche Anzahl von Schachfiguren heraus wuchsen. Der Blick des ziellosen Spaziergängers verweilte auf jenem Blatt, das direkt vor seinen Schuhen lag. Mit den Augen löste er es aus seiner Umgebung, dann ein nächstes sowie ein weiteres und dies in einem fort. Bald hatte er ein ganzes Bündel beisammen und erkannte, wie er dieses in neuer Ordnung über den Waldboden ausbreitete – wie konnte es anders sein – ein Schachbrett.

Die Blätter formten das Feld, auf welches der Spieler des Schachs sein Spiel aufbaute. Die Blätter mit ihren helleren und dunkleren Tönungen setzten sich zum Muster des Kabar Extas Leben beherrschenden Spiels zusammen. Daran herrschte kein Zweifel.

Fortsetzung

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