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Wenn das Tunnelportal sich dem einfahrenden Zug öffnet, ist es, wie wenn sich die Tür eines Frachtraums schliesst. Sobald das Tunnelportal hinter dem hinein gefahrenen Zug zu sperrt, wird das Dunkel absolut. Ein weisser Schimmer wirft lediglich das Licht aus dem Wageninneren von der in grosser Eile vorbei sausenden Wand draussen zurück in die nunmehr aufgescheuchte Intimität des Wagenkastens. Die Geborgenheit ist dahin. Kein Eigenlicht von Draussen, keine strahlende Sonne, welche das einsame Dunkel in eine Vielzahl von Farben auflöst, nur Enge. Der Tag ist aus. Die Fahrt in einem Tunnel ist gehaltfrei und opak. Geht der Blick zum Fenster hinaus, dann wirft die einheitliche Wand konturlos und kaltschnäuzig, jeglichen Anstandes entbehrend, den absoluten Anstandsabstand zum Menschen missachtend, aus grosser Nähe dem besorgten Äugenden wie eine Klatsche nur eine kühle Botschaft ins Gesicht. Jene psychologisch wichtige Distanz, welche zwei Menschen einhalten, wenn sie miteinander reden, sofern sie nicht in Liebe ineinander verbunden sind, stirbt im Tunnel dahin.

Der Tunnel reduziert die Distanz zwischen Wand und Mensch auf jene der Liebe. Gibt aber als Entgelt nur eine grosse, skrupellose Kälte zurück, die kraftlos und schlaff ist wie jene, mit welcher der frisch eingetretene Tod sein Opfer umschlingt.

Der Ausgang eines Tunells von der Länge des Gotthard-Lochs trägt die Merkmale eines Langstreckenflugs. Das Ziel ist nicht einsehbar, die Dauer nicht absehbar. Wie Kletten haftet die Enge am Verstand. Die felsenfeste Umarmung schafft Klarheit. Es gibt kein Entkommen, wenn ein Flugzeug an einem Felsen zerbirst; ein Stein am falschen Ort den Zug aus dem Geleise wirft. Der Tod reist mit. Er verteilt die Opfer über die Felswände. Der Tod zählt nicht. Leichen sind Zahlen ohne Nennwert. Zerschmettert Leben von Menschen.

Strohhalmsprossengross kleben die Teile der Leute an der Unglückswand, wenn sich im Tunnel ein Zug aus dem Geleise wirft. Tunnels nehmen sich, was sie wollen. Der Tod schreitet weiter, pflückt sich seine Nahrung dort, hier und aus allem, was das Leben abgibt. Der entgegenkommende Zug bringt neue Nahrung, der Crashflug sät, nachdem er sein Werk vollendet hat, Happen schüttsteinweise über die Geleise, in die Absturzschneise. Die Tunnelröhre ist eng, ebenfalls die Flugstrasse. Hier eine riesige Felsmasse, dort ein endloser Himmel, der keinen Ausweg bietet, wenn was in die Quere kommt. Beides erweist sich als Gefängnis.

Fortsetzung

 

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