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Diese Frage interessiert nicht alle. Die sieben Monate lang liegen gebliebene und dann mit Schmalz aufgesottene Kuh, die nach dem Verrotten dank der Prozedur überraschenderweise essbar sein soll, erregt in einer Ecke des Tisches die Gemüter: Ich habe nicht ganz mitbekommen, wie das vor sich gehen soll, kommt es von drüben, ich meine von der anderen Tischseite, rechts von mir, gegenüber. Bei einem Tisch mit drei Seiten gestaltet es sich nicht immer ganz einfach, die Übersicht über jene zu bewahren, die gerade sprechen.

Aber was tut’s zur Sache, ob ich die Übersicht über die Plätze habe! Meine Aufgabe besteht darin, die Übersicht über alles das zu wahren, was gesprochen wird.

Eines steht fest: Alles sitzt – nur nicht die Marone. Wir sitzen, das Dienpersonal ausgenommen, allesamt auf dem Trockenen, was Getränke, Essen und Reden angeht. Denn Letzteres führt zu nichts, dreht sich im Kreis; um das Essen, das sich einfach nicht einfindet und uns bei Reden, Luft und Träumen darüber schwitzen lässt, was kommen könnte und doch ganz einfach nicht eintrifft; vielmehr als Gespenstmarone im gelben Gewand von Halloween uns haushält, starren Auges uns anblickt und alle Gedanken ausklinkt, die nichts mit der Marone zu tun haben, welche durch irgendwelche Berichte in den Medien produziert und aus üblen Gerüchten genährt als tumbe, paralysierende Kraft durch unsere Köpfe fliegt und tiefe Spuren hinterlässt.

Als von uns schon längere Zeit erduldete Mangelware nährt die gepriesene, mastige Marone die Gespräche, so dass unsere Worte gestärkt und beherzt nach den Mägen greifen und diese vor Hunger umdrehen; diese Marone, die nicht die Kraft hat, unseren Hunger zu stillen, sondern ihn nur mit verbalen Peitschenhieben kontinuierlich verstärkt.

Solches kriege ich zu meinen beiden Seiten und von Gegenüber zu hören. Eifrig notiere ich geistig und gefliessentlich mit. Zum Glück spare ich mir aus, mir zu merken, wer genau wann und was sagt. Wollte ich mir merken, wie die Gespräche in ihren wirklich kleinsten, minimsten und verschachtelsten Details verlaufen, müsste ich über ein mächtiges Gedächtnisvolumen verfügen. Jemand würde jetzt natürlich sagen: Das Volumen des Gedächtnis wächst wesensgleich mit dem Volumen des Hungers. Kann durchaus sein. Ich bekämpfe dieses Wachsen mit der Akribie einer wachsenden Sorgfalt des Protokollierens von dem, was um mich herum geboten wird. Protokolle haben es an sich, dass sie nicht Wort für Wort das Gesagte wiedergeben, sondern lediglich eine Übersicht von dem, was gesagt wurde, von dem Ganzen, was vor sich ging, und auf diese Weise allen in Erinnerung rufen, was die Teilnehmer an einen Abend wie dem unseren in erklecklicher Deutlichkeit oder lediglich als Andeutung formulierten. Ein Wortprotokoll langweilt, ein gut gearbeitetes Kurzprotokoll verschafft Ordnung und Überblick.

Fortsetzung

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