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„Wenn ich dich so höre, habe ich den Eindruck, du seist deprimiert. Bist du deswegen auf die Strasse gegangen?“

„Ein Nachtgänger, zuweilen. Mehr nicht. Heute ein Taggänger. Warum nicht? Auch am Tage sieht man viel, und nicht nur weil es dann heller ist. Beobachten ist mein halbes Leben. Der Wissenschafter muss genau beobachten. Nicht nur am Tag, auch in der Nacht. Auch sie offenbart Geheimnisse. Die Wissenschaft muss, ohne Skrupel zu kennen, überall und äusserst aufmerksam hinsehen. Und eine Erkenntnis aus all diesem Beobachten lautet, dass die Nacht und nicht der Morgen das wahre Schicksal des Menschen offenbart. Am Morgen ist der Mensch aufbruchslustig. Das Grauen beginnt ihm den Weg zu erhellen. In der Nacht, am Rande der Erschöpfung, wenn die Kräfte, durch den Tag aufgezehrt, zu Ende gehen und schliesslich aussetzen, so dass der Schlaf möglich wird, dann fallen die Masken von den Gesichtern. Bei manchem schon früher, tagsüber, wenn sie vor ihrem Schachbrett sitzen und sich fürchterlich langweilen.“ – „Natürlich.“ – „In der Ecke im Bierlokal. Damit bist nicht du gemeint“, so Wilhelm Schnepfensskorn an Kabar Extas gewandt. – „Soso.“ – „Nein gar nicht. Ich habe einmal einen Mann beobachtet, der sass den ganzen Abend vor einem Brett und stellte nach einigen Zügen immer wieder und dies aufgrund von handgeschriebenen Notizen, welche er in einem Büchlein mit sich führte, die Figuren neu auf. Einen Espresso so stark wie einen Schnaps.“ Ein Kellner war an den Tisch getreten. Wilhelm Schnepfensskorn gab seine Bestellung auf. Die beiden Anderen bestellten nicht nach. „Auf seinen vergilbten Blättern hatte er vermutlich eine Handvoll alter Spiele verewigt, die er mit sich selber spielte oder aus einem Schachlehrbuch abgeschrieben hatte. Ja, bei dem Herren spielte die Trübsal mit. Er spielte, obwohl um ihn herum das Gezische von leisen Stimmen unaufhörlich ertönte, als ob die Umsitzenden hohen Respekt vor diesem Mann hätten und ihre Stimme nicht erhoben. Wie hier jetzt. Sie zollen uns jetzt den Respekt, der sich gehört. Auf dem Feld sind sie nicht mehr laut. Das ist schon seltsam, wie der Lautpegel bei einem Schachspiel wechseln kann. Um jenen Mann war, solange ich dort sass, immer Rune. Unverdrossen verschob er nach den Vorgaben seines Handbuchs die Figuren, wagte zuweilen sogar einen Zug, ohne einen Blick in seine Notizen zu werfen.“ – „Sie sind beim Reden nicht abzutöten“, wandte die Frau ein.

„Als ob sich niemand am Morgen tötete“, kam etwas unverhofft die Antwort. „Eine Nacht der Verzweiflung zehrt jene Kräfte auf, die das Überleben des folgenden Tages ermöglichen.“

„Was wollen Sie damit sagen? Dachten Sie schon mal daran, am Morgen Ihr Leben zu beenden?“

„Jetzt hören Sie aber auf! Ich? Warum? Ich widerspreche mir nicht. Bei mir kommt kein Gedanke zu kurz. Als Wissenschafter muss ich alle Möglichkeiten insofern in Betracht ziehen, als ich diese durchgehen, durchdenken muss. Bei mit kommt kein Gedanke zu kurz, mit der einen Einschränkung, das er jene Einschränkung erhält, die er verdient.“

Fortsetzung

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