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sb Hoffen

Nach einem feuchtfröhlichen Abend kann es durchaus geschehen, dass nicht genau nachgezeichnet werden kann, in welcher Folge die Vielzahl der Getränke genossen wurde. Der Morgen danach gerät zuweilen zu einer ganz eigenen Herausforderung.

Im Gegensatz zum Schachspieler vermag der Barspieler alle Teile des Spiels vom Vorabend nur mit Mühe, wenn überhaupt, nach zu vollziehen. Der Erinnerung gelingt es wohlmöglich, die einzelnen Drinks aus dem Gedächtnis heraus zu holen. Bei der Reihenfolge beginnt es zu hapern. Über die Anzahl schweigt sich der Verstand aus.

Beim Schachspiel hingegen wird der Verstand nicht ausser Kraft gesetzt. Beim Barspiel setzt die Erinnerung aus, um einer Läuterung den Start zu ermöglichen: Die Vernunft, die eigentlich aus der Erfahrung schöpft, wird neu entdeckt. Das Barspiel entspricht einem Spiel, das im Gegensatz zum Schachspiel endlos dauert, und bei welchem, je länger der Abend währt, Regel und Ordnung, die beiden Säulen der Rückbesinnung auf alles Vorgefallene, ausser Kraft gesetzt werden.

Unverdrossen schiebt im öffentlichen Spiel der sich vorführende Schachaugur, auch wenn er von den vielen Umstehenden längst als der Verlierer der Partie ausgemacht ist, bis zum bitteren Ende die Figuren. Unbarmherzig fällt das Urteil der beobachtenden Meute auf jenen, der sich auf dem Brett ausstellt. Mit jeder Sekunde, in der das Spiel nicht beendet wird, tickt der Unmut als eine Sammlung von bösen und auch spöttischen Bemerkungen in das Spiel hinein, das der längst Ausgezählte trotz aller Unkenrufe beherzt zu Ende führt.

Diese flüchtigen, ernst gemeinten, halb ernst gemeinten, dummen Randbemerkungen müssen schnell und unüberlegt angebracht werden, denn jeder begabte oder auch weniger begabte Schachspieler, der sich beim Schach auf dem Platz zu schnellen Kommentaren hinreissen lässt, weiss, dass sich beim Endspiel das Glück durchaus im letzten Augenblick auf die Seite des zuvor Gebrandmarkten und Geschmähten schlagen kann. Wenn man seine Kommentare nicht auf der Stelle anbringt, kann es durchaus vorkommen, dass diese zu spät kommen und man selber zum Gespött des Gespotteten wird. Denn jener, den man ausstellen wollte, wird mit der gleichen Boshaftigkeit, wendet sich das Blatt, zurück schlagen. Wer lackieren wollte, wird selber zum Lackierten. Wer sich als Sieger äusserte, steht als Verlieren da. Wer in der Sonne glänzen wollte, wirft plötzlich den Schatten auf sich selber. Darum: Wer am Spielfeldrand seinen Kommentar abgibt, der hüte sein Zunge nicht, sondern lasse ihr freien Lauf.

Fortsetzung

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