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„Ich sehe: Sie stützen Ihre Komponierkunst auf einer breiten Wissensbasis ab. Das beruhigt mich und festigt zugleich Ihr Werk. Auch in der Wissenschaft beobachte ich den Trend, dass jemand unter dem Vorwand, er wolle etwas verbessern, dieses Etwas nimmt und neu ausarbeitet. Das entspricht einer Tendenz, die heute weit verbreitet ist. Es wird genommen, leicht umgemodelt, aber nur so weit, dass das erfolgreiche Original noch durchschimmert und so für den Erfolg garantiert, und dann wird dieses vermeintlich Neue der Öffentlichkeit vorgelegt. Ruhm und Durchbruch gründen auf der Wiedererkennbarkeit der bereits bestens geprüften und verkauften Vorlage. In der Musikwelt ist es damit nicht besser als in der Wissenschaft. Ein Forscher, der einen anderen kopiert, das gibt es auch in unserer Wissenschaft. Da lobe ich mir Komponisten wie Sie, die auf Neues aus sind.“

„Eben diesen Makel in der heutigen Komponierkunst bügle ich mit meiner Art des Machens aus.“

„Ich bestätige: ein Fortschritt. Das ist ein Fortschritt. In der Wissenschaft darf ein Fortschritt, wie klein er auch ist, nicht gering geschätzt werden. Das ist eine Regel, die eingehalten werden muss, will die Wissenschaft auf Fortschrittskurs bleiben. Aber wir wollen ja jetzt nicht über Wissenschaft reden, sondern über die Kunst, die zur Vollkommenheit führ, kurz: über das Komponieren.“

„Das Komponieren folgt durchaus sehr strengen Regeln. Gleichzeitig muss die Kunst für sich die totale Freiheit einfordern. Ohne letztere gelingt in der Kunst nichts.“

„Durchaus.“

Das Gespräch ging um viele Ecken, während die beiden Herren an der Ecke verweilten, ohne sich zu trennen, als wollten sie hier einen Stand aufbauen, der den anderen Leuten im Wege stand; als wollten sie das Gespräch nicht um die Ecke bringen, so dass es zum endgültigen Stillstand fand. Eckgespräche besitzen in der Regel die dumme Eigenschaft, dass sie eiligen und weniger eiligen Passanten im Wege stehen, dies nicht wegen dem möglicherweise klug Gesagten, sondern wegen der lästigen Sagenden. Wie manchem wird doch dieses hindernde Stehen an der in ihrem Platz knapp bemessenen Ecke zur Nervensäge, auch wenn er nicht hinhört, sondern weil er wegen der behaglich Herumstehenden einen grösseren Bogen um die spitze Ecke schlagen muss als eigentlich nötig. Der abkürzende Weg um die Ecke wird auf einmal zu einem runden Umweg.

Wenn man um die Ecke geht, hat man es nicht immer eilig. Es ist aber dann doch etwas unangenehm, wenn genüsslich Plaudernde den direkte Durchgang um die Ecke versperren; Plaudernde, welche die Jagd ausgesetzt haben und in grosser müssigängerischer Freizügigkeit ihre kostbare Zeit vertun, so kostbar doch wieder nicht, sonst würden sie nicht verschwenderisch mit ihr umgehen. Wie mancher ginge dann nicht gern mit einer kräftigen Säge hinter das hinderliche Gespräch, um dieses abzuschneiden und so den Weg frei zu machen für den direkten Umgang um die Ecke. Meist stehen bei solchen Gesprächen die Beteiligten nicht dicht auf dicht, weil das Gespräch erst noch klären muss, wie nah man sich stehen darf und wie es nach der Ecke weiter gehen soll: getrennt oder gleichen Weges. Wenn die beiden nicht so dicht aufeinander stehen, ist es also durchaus möglich, durch das Gespräch hindurch zu gehen.

Fortsetzung

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