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(…) in welchem Stadium von Bauch Ihr Chef ist.“ – „Auf so etwas achte ich nicht. Das geht mir ab vom Anstand, so etwas zu untersuchen.“ – „Ist Ihnen bewusst, Herr Schuster, dass der Mensch heute dynamisch sein muss. Bei Ihrem Fettklotz kann von Dynamik nicht die Rede sein. Er wird über seinen Bauch vermutlich einen ganz Wulst an Gedanken vor sich her schieben und damit nicht vorwärts kommen. Kunststück, das Glyzinie dabei umgekommen ist.“ – „Was ihr geschehen ist, das tut mir, wie ich schon sagte, aus ganzem Herzen leid. Der Tod bildet aber nun einmal einen Bestandteil unseres Lebens. Die Wissenschaft kann dem Tod keinen Riegel schieben. Das ist nicht zu ändern.“ – „Und so stehen wir alle mitten im Leben und vor uns die offene Tür. Mitten drin im Leben, so dass wir von allen Seiten angegriffen werden können und dann unversehens zur Tür hinaus geschoben werden.“ – „Die Wissenschaft gibt sich alle erdenkliche Mühe, alles bereit zu stellen, damit alle jene, die an den Rand gedrängt werden, wieder zurück in die Mitte finden. Dafür lege ich meine Hand ins Feuer.“ – „Das Feuer hat Glyzinie verbrannt. Lebte sie noch, sie würde heute ein frohes Lied über die Wissenschaft singen. Wer an den Rand gedrängt ist, ist abgeschnitten. Abgeschnitten von allem, was die Mitte ausmacht: Gesundheit, Sicherheit, Geborgenheit. Was zählen dann noch Liebe und Reichtum, wenn der Mensch krank ist. Ab einem bestimmten Grad von Kranksein ist das Leben nur noch Schmerz. Und dieser frisst sich tief ins Fleisch hinein.“ – „Ich verstehe.“ – „Ich habe mich auf ein neues Feld vorgewagt. Sie haben die Friedhöfe angesprochen, Herr Schuster. Nun habe ich mich der Musik zugewandt.“ – „Was Sie nicht sagen! Studieren Sie ein Instrument?“ –“Nein.“ – „Singen Sie?“ – „Nein. Das sind Sie perplex, was! Kein Angst, Herr Schuster, aus mir wird es weder einen Bauchtrommler geben noch jemanden, der seinen Bauch am Boden entlang schleift.“ – „Das denke ich auch. Komponieren Sie etwa?“ – „Das auch nicht. Ich kürze.“ – „Tatsächlich? Kürzen, wie soll das vor sich gehen?“ – „Gewissermassen, man kann es auch so sehen. Und darum so benennen: Ich komponiere im Prinzip.“ – „Komponieren ist eine besondere Gabe. Das ist wirklich nicht jedermann gegeben. Eine Stimmgabel ist bei mir schon das höchste der Gefühle, wenn es darum geht, Töne zu erzeugen. Wenn ich fragen darf: Wie setzten Sie diese Kürzungen in Kompositionen um?“ – „Sie erweisen sich als ein aufmerksamer Zuhörer. Ich bin mir nämlich gewohnt, dass sich in der Regel jeder sich selber der nächste ist, wenn ich mit ihm rede.“ – „Ich bin Wissenschaftler und darum gewohnt, den Dingen genau auf den Grund zu gehen, genau zu beobachten, aufmerksam hin zu sehen.“ – „Man merkt es.“ – „Mit Sicherheit. Macht Ihre Kompositionskunst grosse Fortschritte?“ – „Sie kürzt sich und so gesehen macht sie grosse Fortschritte. Je schnittiger, desto vollkommener. Ich schneide in grossen Scheiben vor und hinten ab, kürze auf diese Weise und schaffe so neue grosse Meisterwerke.“ – „Sie machen mich neugierig. Erzählen Sie mir bitte mehr von ihrem Werk.“

Doch die beiden Herren gelangten auf ihrem Gang in jener Ecke an, wo sich ihrer beider Wege teilten, wie sie zu Beginn ihres Gesprächs heraus gefunden hatten. Denn sie wohnten in verschiedenen Stadtteilen.

Fortsetzung

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