sch-ach-oh

oh Menschenrechte

Der Kellner näherte sich ohne Überraschung, ganz, als wüsste er bereits, was auf ihn zu kam. Er stand bald vor dem Tisch.

„So, Herr Schuster, jetzt will ich Ihnen zeigen, wie man gesund lebt. Ich werde jetzt eine weitere Pizza bestellen und zwar eine anders als jene, die ich bereits hatte. Das bringt Abwechslung. Das fördert den Austausch der körpereigenen Stoffe. Die Radikalen werden sich freuen. Und ich werde auch nicht jene nehmen, die Sie bestellt haben. Die war so fad und blass, dass sie keine Farbe in Ihr Gesicht brachte. Schon rein der Gedanke, dass ich mir eine solche einverleibe, wie Sie sie verzehrt haben, schlägt mir auf den Magen. Das ist ungesund. Ich variiere. Vorher habe ich eine zahme Pizza genommen, jetzt wende ich mich einer pikanten zu. Die zweite Pizza wird in meinem Körper die freien Radikalen an einem anderen Ort anregen als die erste zahme und andere Stellen befreien, so dass die elementarsten Teile der Materie in meinem Körper eine gutes Werk vollbringen können. Auf diese Weise wird in meinem Leib mehr Raum geschaffen, den ich mit Pizzas füllen kann. Wenn das nicht eine gute Idee ist! Folgen Sie mir, Herr Schuster?“

Während dieser Rede hatte der Kellner damit begonnen, die beiden leeren Teller der ersten Pizzarunde abzuräumen. Auch Kurt Schuster war mit seinem Teller zu einem Ende gekommen. Die Weingläser liess der Kellner stehen und ebenfalls das Besteck.

Dem Kellner war nämlich noch nicht bedeutet worden, ob der Begleiter des Dicken mit diesem gleichziehen wollte und ebenso eine weitere Pizza wünschte. Der Kellner vermied es aber tunlichst, auf seine Unsicherheit bezüglich des weiteren Verlaufs des Diners an dem Tisch einzugehen. Die beiden Herren würden sich zu gegebener Zeit schon zu Wort melden und mitteilen, was sie zu bestellen gedachten. Bisher hatte lediglich der Dicke kund getan, er werde eine weitere Bestellung aufgeben, und zwar eine „pikante“.

„Herr Schuster“, wandte sich Wilhelm Schnepfensskorn erneut an sein Gegenüber, „nehmen Sie auch noch eine Pizza? Ihren nicht vorhandenen Rundungen würde es gut bekommen, wenn sie etwas Gestalt annehmen würden. Sie können eine weiche Pizza vertragen. Ich halte es mit einer scharfen. Kellner, haben Sie die Bestellung aufgenommen?“

Dieser nickte und blickte Kurt Schuster, ohne seinen Namen zu nennen, an. Der lediglich mit einem leichten Augenaufschlag Gefragte entgegnete ohne zu reden mit einem verneinenden Kopfnicken. Der Kellner verstand und entfernte sich, beladen mit fetten Tellern und ebenfalls einer weiteren Bestellung für Wein.

Am Tisch der Beiden kehrte für einen Moment Ruhe ein, so dass die beiden Herren, der Dicke nicht ohne Mühe, links und rechts schauen konnten nach dem, was an den Nebentischen abging.

An den benachbarten Tischen wirkten die Esser und Trinkenden, als seien sie mit sich selber beschäftigt. Nur wenige hatten sich eine Flasche genehmigt. Den Wein nahmen sie aus kleinen Karaffen, die nachzuordern es kein Problem bedeutete, gab es diese Behälter doch in verschiedenen Grössen, welche, dem entsprechenden Durst angepasst, bestellt werden konnten. Für ein weiteres Glas Wein musste eine Ausrede nur klein sein, bei einer weiteren Flasche Wein hätte es grösserer Diskussionen bedurft.

An den Tischen nebenan wurden die Diskussionen gesittet geführt. Jedenfalls verhielten sich die Leute an ihren Tafeln so, dass sie keine Aufmerksamkeit auf sich zogen. Man ging sich mit den Augen aus dem Weg. Er erweckte jedoch trotzdem den Anschein, als sei die Unaufmerksamkeit der Anderen den zwei Herren, vor allem dem Dicken gegenüber künstlich aufgesetzt. Denn einen Fettsack, der deutlich über die Breite des Tisches hinaus ragte, traf man nicht jeden Tag in einem Restaurant. Eine derartige Person besass Unterhaltungswert, besonders wenn sie sich, von der Neugier getrieben, bewegte und zu drehen versuchte, um selber nach den Anderen und somit der Ordnung der Dinge im Lokal zu schauen.

Fortsetzung

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