sch-ach-og

og Menschenrecht

Wilhelm Schnepfensskorn machte nicht Anstalt, als wolle er mit seinem Lob auf die Pizza inne halten. Er sprach mit Begeisterung, unterstrich seine Äusserungen mit einprägsamen Gesten. Der beleibte Mann fuchtelte jedoch mit seinen molligen Händen nicht was das Zeugs hielt, sondern bewegte die Hände ruhig und gemächlich, als habe er deutlich im Hinterkopf, dass zuviel Bewegung ihn aus dem Gleichgewicht werfen konnte. Und das hätte ein schönes Allotria gegeben, wenn er vom Stuhl gefallen wäre.

Der Redner durfte sich zudem nicht heftig bewegen. Der Tisch klebte ihm am Bauch. Jede Bewegung übertrug sich augenblicklich und zuverlässig auf Tischplatte, Geschirr und Inhalt. Im Glas, das der Redner in der Hand hielt, schwankte der Wein bedenklich, schwappte aber nicht über den Rand des Bechers.

Wilhelm Schnepfensskorn nahm offensichtlich Fahrt auf. Was sich ihm in den Weg stellte, schob er bei Seite. Kurt Schuster sah nicht, wie er dem Redefluss des Meisters im Augenblick Paroli bieten konnte. Schnepfensskorns Masse wirkte wie ein träger Koloss, der nicht zu bremsen ist, wenn er, einmal in Bewegung gesetzt, voran schreitet.

Eines grossen rhetorischen Aufwandes bedurfte es, wollte der Gehilfe sich seinem Chef in den Weg stellen und ihm erklären, dieser müsse einen vernünftigen Moment lang schweigen, damit auch andere, also er, der Untergebene, zu Wort kam.

Nichts wirkt lähmender auf ein Gespräch, als wenn einer der Teilnehmer, selbstherrlich, das Wort an sich reisst, meinend, er allein habe die Weisheit gefressen, so dass die übrigen in der Runde schweigen müssen, wollen diese die Stimmung im Rund nicht gänzlich vermasseln. Zuweilen ist ein kräftiger verbaler Tritt in einen unaufhörlichen Wortschwall hinein durchaus nötig, damit der Monolog dann irgendwie wie ein Dialog wirkt und der Eindruck entsteht, andere Personen beteiligten sich aktiv am Gespräch und keiner werde durch die fast arrogant wirkende Tirade des anderen als stiller Zuhörer in seinen Stuhl gequetscht, dort abgewürgt und mit der Suade geistig erstickt.

Wer sich die Zeit nimmt, mit jemandem zusammen zu sitzen, der geht davon aus, dass er dann nicht wie ein Hampelmann auf dem Stuhl zu hocken hat und der andere verbal an ihm wie an Stricken ziehen kann, so dass letzterer zum Gesagten nur Ja und Amen sagen darf und kann. Ein derartiges intellektuelles Gezappel fördert keine fundierte Auseinandersetzung mit einem Thema, von welcher Ernsthaftigkeit dieses auch ist.

Solchen möglichen Bedenken eines Gegenübers nicht Rechnung tragend und ihrer vermutlich nicht einmal eingedenk, fuhr Wilhelm Schnepfensskorn munter fort: „Wenn ich also jetzt noch eine Pizza nehme, dann können Sie aufgrund meiner Worte erahnen, was diese für meine Gesundheit bedeutet. Den einen Grund habe ich soeben erläutert. Und er hat mich in meiner Absicht bestärkt. Der Pizzaiolo hat mich ein weiteres Mal überzeugt. Hallo!“, posaunte Wilhelm Schnepfensskorn in den Saal hinaus.

Von seinem Stuhl fiel Kurt Schuster schier. Sein Chef konnte, wenn es sein musste, ein beachtliches Stimmvolumen an den Tag legen. Er verfügte aufgrund seiner Masse über einen guten Resonanzkasten. Die Stimme trug weit und entsprach in ihrer Kraft dem Fassungsvermögen, das Wilhelm Schnepfensskorns Bauch aufwies.

Fortsetzung

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