sch-ach-od

od schöpfen

Statt aufzubrausen, wie es aufgrund der frechen, aber trotzdem richtigen Bemerkung des Gehilfen zu erwarten gewesen wäre, antwortete Wilhelm Schnepfensskorn ganz sachlich, aber wenig schlicht: „Der Gesundheit bekommt’s, dem Altern auch. Es ist ein Heidenspektakel: Unsere Körper werden den ganzen Tag über mit allerlei Giften, Stress, Gasen, Nahrungsmitteln, Getränken, Aufbaustoffen und Medikamenten strapaziert. Der Körper schüttet ständig ungezählte freie Radikale aus. Der Körper muss sie zu seinem Schutz produzieren, diese Spitzenvertreter der hauseigenen Immunabwehr. Andererseits muss der Körper eine Resistenz aufbauen, um Herr, Herr Schuster, der freien Radikalen zu werden, damit diese bei ihrer Abwehrarbeit den Körper nicht zerstören. Es ist ein Heldenspektakel, wenn die Radikalenfänger zum Schutz unseres Körpers über die freien Radikalen herfallen und ihnen Masshalten beibringen. Nur ist es so, dass all das, was wir essen und trinken, dem Körper nicht genug Nährstoffe zuführen, um die freien Radikalen eben in jene Bahnen zu zwingen und zu halten, welche dem Wohl unseres Leibes voll und ganz bekommen würden. Wenn die Balance im molekularen Teil unseres Leibes ständig im Gleichgewicht sein würde, dann hätten wir ewiges Leben. Wir sind aber ständig in Bewegung. Uns ergeht es genauso sowie diesem Wimpel im Aquarium. Bewegung ist Abnützung. Wer sich nicht bewegt, um zu essen, verdirbt. Das ist unser Widerspruch, mit dem wir Leben müssen. Kein Leben ohne Abnützung. Und sei es auch nur die Bewegung der Kauwerkzeuge.“ Wilhelm Schnepfensskorn schwieg und griff nach dem Glas mit Wein, trank nicht und schwieg weiter. Kurt Schuster sah sich darum veranlasst zu fragen: „Wimpel?“

Wilhelm Schnepfensskorn unterbrach sein Schweigen mit dem Glas in der Hand. „Stimmt, Wimpel. Ich komme auf den Beginn unseres Gesprächs zurück. Wenn Sie Augen im Hinterkopf hätten, würden Sie diese sehen. Sie haben den Blick aber nur vorwärts gerichtet und gehen trotzdem an der Zukunft vorbei.“

„Ein Wimpel richtet sich nach dem Wind. Wenn man sich nach dem Wimpelwind richtet, dann geht man mit dem Wind, und der gewährt bekanntlich wenig Halt und reisst auch jenen mit sich, der sich nach ihm richtet. Den Wind stört es nicht, wenn er sich über einen Felsen in ein Tal hinabstürzt. Aber jener, der vom Wind mitgerissen wird, wird zerstört, wenn er über den Felsen in das Tal hinabstürzt.“

„Sie verstehen klug zu reden, Herr Schuster!“

„Das ist nicht zu vermeiden, wenn man den Umgang mit Ihnen pflegt. Man wird dabei ganz einfach klug.“

„Klugheit geht durch den Magen. Das müssen Sie sich hinter die Ohren schreiben. Und wenn Sie Augen im Hinterkopf hätten, würden Sie auch erkennen, wie bunt Klugheit sein kann.“

„Weil ich mit dem Mangel von Augen im Hinterkopf voll und ganz dem Allgemeinmass angehöre, dem auch Sie in diesem Fall nicht entgehen, und ich diesen Mangel auch nicht zu beheben vermag, ausser ich drehe mich um, gehe ich davon aus, dass Sie wünschen, dass ich einen Blick hinter mich werfe, um zu sehen, was es mit diesem, wie Sie sagen, Wimpel auf sich hat.“

„Jetzt reden Sie kompliziert.“

„Das entspricht Ihrer Forderung, mich wenden zu müssen. Ich sitze hier gut und müsste mich aus meiner bequemen Haltung herauslösen. Das ist eine Forderung, der Sie nicht nachkommen würden, wenn sie von mir käme. Von mir aber verlangen Sie, dies zu tun, damit ich mich über die völlig unklare Anspielung mit dem Wimpel informieren kann.“

Fortsetzung

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