sch-ach-nn

nn Lorca

Während sich die beiden Herren am Tisch mit ihrer Pizza befassten, setzte das Gespräch weitgehend aus. Sie schabten von den Tellern Reste von Teig und Käse ab. Die mundgerecht geschnittenen Stücke verzehrten die Herren ohne Mühe.

Wilhelm Schnepfensskorn vertilgte, was nicht überraschte, seine Pizza schneller als sein Gegenüber. Der wahre Meister zeigte sich auch beim Essen.

„Wie Sie essen! Sie essen viel zu schnell“, bemerkte nach einiger Zeit Kurt Schuster. „Ich habe kaum Zeit, meine Stücke zu zerkauen, und schon sind Sie mit Ihrem Teller fast fertig. Das geht doch nicht. Da halten die Gefühle nicht mit. Der Magen füllt sich und merkt es nicht. So wird man dick. Das nennt man Stress. Das bekommt dem Körper nicht auf die Dauer. Es ist eine relativ radikale Kur für alle Körperorgane. Sie steigen aus, mit der Zeit.“

Radikal Wilhelm Schnepfensskorn liess sich durch die Kritik des Gehilfen nicht aus der Ruhe bringen, kaute unbeirrt weiter und schaute sich im Raum um.

Kurt Schuster säbelte an den Resten seiner Pizza.

Wilhelm Schnepfensskorn unterbrach schliesslich sein Schweigen, das Glas in der Hand, und meinte: „Phantasie, Herr Schuster, braucht man, um in dieser Welt der trockenen Pizzas zu überleben. Das Schauspiel, das sich hinter Ihnen bietet – Drehen Sie sich nur nicht um, Sie würden es nicht sehen! – gibt der Pizza jenen Saft, der sie für uns köstlich macht und damit sie uns auch mundet. Wenn Sie das Auge hätten, das ich habe, dann würden Sie den Kopf des Pizzaiolo als Wimpel sehen, der über einer Boje auf dem Wasser auf und ab springt. Das natürlich nicht zuletzt wegen der Mütze, die er auf dem Kopf trägt. Genau, das ist ein Wimpel, eine Signalboje, eben ein Schwimmer, der den Fisch anzeigt, wenn er angebissen hat. Wenn Sie, Herr Schuster, in einem Aquarium liegen würden, unten, im Wasser, würden Sie mehr Einsicht in den Mechanismus der Boje haben, als es das Sitzen auf Ihrem Stuhl zurzeit gestattet. Sie brauchen sich aber nicht zu erheben und unter den Pizzaiolo zu legen. Die Einbildungskraft, jene, die es dem Wissenschafter erlaubt, mit den Resultaten, welche er aus der Forschung gewonnen hat, fertig zu werden und sie positiv zu verwenden, soll genügen, damit sie sich ein Bild von dem machen können, was hinter Ihnen geschieht. Sie müssen sich einfach vorstellen, Sie lägen unter dem Pizzaiolo am Boden und es käme eine Schnur zu Ihnen hinab und Sie würden daran ziehen, wie ein Fisch der angebissen hat. Was würde mit der Boje geschehen, an welcher diese Schnur hängt, damit nicht die ganze Schnur ins Wasser absinkt, sondern nur ein Teil von ihr? Was würde mit der Boje geschehen? Sie könnten mit der Schnur die Boje bis zu einem gewissen Grad zu sich hinab ziehen. Aber dann würde der Widerstand, den die Boje dem Wasservolumen entgegensetzt, so gross, dass sie wieder Auftrieb erhält, und Ihnen im Wasser würde die Luft ausgehen, so dass sie die Boje fahren lassen müssten und die Boje ganz selbstverständlich wieder an die Oberfläche fände. Das Spiel mit der Schnur, nachdem Sie im Wasser wieder Luft gefunden hätten – woher Sie diese nehmen, das lasse ich Ihre eigene Sorge sein – das Spiel mit der Schnur würde sich wiederholen und die Folge davon wäre, dass die Boje auf dem Wasser auf und nieder tauchte, anders gesagt, hüpfen würde genau so wie der Kopf des Pizzaiolo. Auf und ab geht er, als sei er selber eine Boje und als hinge ein gefangener Fisch an seiner Pizzaiolo-Schürze. Aber anstatt eines Fisches schwingt er als Angel seinen Zeigefinger und auf diesem das Stück Teig, das Pizzaboden werden soll. Das muss einer gesehen haben. Das ist grosse Kunst. Das ist eine grosse Leistung. So was brächten weder ich noch Sie zustande. Auf ihn erhebe ich mein Glas. Sie auch, Herr Schuster, auch wenn Sie nichts sehen. Aber das ist so Ihre Art, hier oder im Geschäft. Der Ort ändert nichts an dieser Banalität.“

„Reden Sie vom Pizzabäcker in meinem Rücken?“

„Nein. Von Ihnen.“

Fortsetzung

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