sch-ach-ni

ni Konsequent

Dem unbescholtenen Beobachter leuchtete sofort auf, wer bei den beiden Herren am Tisch das Sagen hatte. Der Dicke am Tisch ergriff das Wort, nachdem er ohne Hast einen Bissen von seiner Bruschetta genommen und aus dem Glas einen Schluck Wein getrunken hatte: „Was hätte ich mit dieser Frau tun sollen? Sie tut mir leid. Aber sie versteht rein nichts von Wissenschaft. Was hätte ich ihr sagen sollen? Sie würde es nicht verstehen. Sie versteht nicht die Vorgänge, welche unsere Arbeit bestimmen. Sie denkt nicht an die Zusammenhänge. Sie denkt nicht in Zusammenhängen. Sie denkt an sich selbst. Sie versteht nicht, wie Wissenschaft vor sich geht. Was geschieht. Was hätte ich ihr sagen sollen? Dass mich als Forscher ihr Einzelschicksal nicht interessiert, denn der Mensch ist ein Lesebuch, in dem bei jedem das gleiche drin steht, in Variationen. Diese müssen wir studieren. Sie ist kein Einzelfall. Ich habe mir nichts vorzuwerfen.“ Und nach einem weiteren Biss in die Vorspeise: „Herr Schuster, sind Sie auch der Ansicht, dass, wenn ich mich um sie persönlich gekümmert hätte, mich dies viel zu stark von meiner Arbeit abgelenkt hätte? Ich bin kein Psychologe. Herr Schuster, Folgendes müssen Sie sich merken und es wird Sie im Leben weiter bringen: Die Forschung richtet sich nicht nach dem Einzelnen, sondern auf das Kollektiv der Menschen aus. Die Menschen sind für die Wissenschafter, wie ich ein solcher bin, ein Studienobjekt. Wenn ich ins Fleisch schneide, darf ich keine Gefühle zeigen. Sonst muss ich die Finger von der Forschung lassen. Dann kann ich mich gleich der Seele zuwenden und den Menschen sterben lassen. Zu dieser Erkenntnis müssen Sie erst finden, Herr Schuster, wenn Sie wirklich Erforscher des Wassers, des Feuers, der Luft und des Menschen werden wollen, dann schreiben Sie sich meinen Rat ganz dick hinter die Ohren. Zärtlichkeiten haben in der Wissenschaft keinen Platz. Zuweilen muss man sich die Finger nicht nur netzen, sondern auch verbrennen, damit die Arbeit zum Segen der Menschheit gedeiht. Aber, was kümmert mich jetzt diese Frau. Ich bin nicht hierher gekommen, um mich über diese Frau aufzuregen. Ganz im Gegenteil. Herr Schuster, sind Sie auch dieser Meinung? Mit dem Essen kommt die gute Laune. Lassen Sie uns mit einem kräftigen Schwung auf unsere Anwesenheit hier in diesem Lokal anstossen!“

Wilhelm Schnepfensskorn hob sein Glas, aus welchem er bereits getrunken hatte. Sein Gegenüber, nach wie vor unruhig auf seinem Stuhl hin und her rutschend, folgte dem Beispiel des Chefs und griff ebenfalls nach dem Glas. Sie stiessen an.

„Wissen Sie“, fuhr der Dicke fort, „Herr Schuster, wenn man alleine eine Pizza isst, dann muss man zuweilen mit sich selber denken. Darum habe ich Sie mitgenommen. Auch wenn Sie im Institut nicht dafür gezahlt werden: Sie haben Unterhaltungswert. Das muss ich Ihnen zugestehen. Was sagen Sie dazu?“

Fortsetzung

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