sch-ach-lj

lj Gegenargument

„Ich sehe vor mir eine hohe Archivwand. Sie reicht bis hinauf zur Decke des Saals. In die Wand sind acht Rollgestelle eingelassen. Diese kann man heraus ziehen. Jedes Gestell verfügt über acht Stockwerke. Ich sehe, wie du vor der Wand stehst und Gestell für Gestell konsultierst und wieder zurück schiebst, nachdem du aus einem der im Regal gelagerten Schachteln ein Zitat heraus geklaubt hast. Wie lange darf ein Zitat sein, damit es noch in diese Schachteln passt? Wenn es zu lange ist, braucht es zu lange, um heraus gezogen zu werden, und das Gestell, wenn es wieder zugeschoben wird, schneidet es entzwei. Ein Zitat, das viel zu lange ist, wird nicht verstanden, und ein Zitat, das entzwei geschnitten wurde, auch nicht.“

Was entwickelst denn du da für eine Phantasie?

„Ich setze diese gegen deine Zitate. Acht mal acht ist vierundsechzig. Das ist Zahl der Felder auf einem Schachbrett. Es existiert die Geschichte vom Reis, der auf die Schachfelder verteilt wird. Auf dem ersten ein Reiskorn, auf dem zweiten zwei Reiskörner, auf dem Nächsten das doppelte, also vier und so weiter. Dein Zitatenschatz erinnert mich an diese Geschichte mit den Reiskörnern. Das Schachbrett gibt mit seinen Linien eine ganz strenge Struktur vor. Die Reiskörner sprengen diese Struktur, die klare Grenzen zieht. Genau so ist es mit deinem Zitatenvorrat. Er ist unermesslich und nicht abzählbar. Der Wandschrank muss ja von einer unendlichen Tiefe in die Wand hinein sein, damit all das, was du mir vorträgst, darin auch Platz findet. Die Acht mal Acht-Struktur deines Fahrregals ist nur ein Phantom, das Ordnung vorgaukelt. Wenn wir den Regalen in die Tiefe folgen, werden wir heute Abend nie zu einem Ende mit den Zitaten kommen, auch nicht in einem Zeitraffer. Ich könnte dir zwar sagen: Nun aber etwas Beschleunigung in das Zitieren! Sonst kommt es mit dieser Ordnung zu keinem Ende. Ich habe aber wenig Hoffnung, dass ein Ende tatsächlich noch auftauchen wird. Ich habe vielmehr den Eindruck, dass der heute literatur-industriell angereicherte Zitatenschatz und sein sorgfältiges Zerpflücken uns wach halten wird, bis wir tot umfallen. Auf Fliessbandgeschwindigkeit zu schalten, beim Abspulen der in Zitate eingepackten Weisheiten, nützt nichts.“

Wenn ich dir ein weiteres vorsetzte, dann wird es dir vielleicht gefallen, mich noch um ein nächstes zu bitten. Was hältst du von: „Die Kunst, reich zu werden, besteht nicht aus Geschäften, noch weniger aus Sparsamkeit, sondern aus besserer Ordnung, aus Pünktlichkeit, aus der Fähigkeit, am richtigen Ort zu sein.“ Das stammt von Ralph Waldo Emerson.

„Kenn ich nicht.“

Ein Philosoph.

„Derer gibt es viele. Deine Zitate sind wie ein Feuerwerk, das nach allen Seiten abgeht. Es leuchtet hell und knallt, doch bleiben tut nichts ausser einem Glanz über den Augen, der mit der Zeit erlischt. Die Menge der Zitate erstickt ihren Wert. Zitate sind überflüssig, das ist die Quintessenz aller in diesen Zitaten aufgeführten Weisheiten. Ordnung macht nur den halben Meister. Ich habe einen Vorschlag: Wie wär es mit einem Spiel. Wir stellen eine Regel auf, damit auch einer Ordnung folgen kann. Ordnung, das wird dir gefallen. Der Rest ist Spiel.“

Was hast du dir ausgedacht?

„Du nennst ein Zitat, ich qualifiziere es mit einem Stichwort.“

Fortsetzung

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