sch-ach-li

li Wider

„Ja, ein feiner Tropfen. Es tropft der Wein, es rinnt das Zitat. Wegen dir werde ich noch zum Poet. Ein grosser sogar. Denn die Fleissarbeit geht weiter. Es sei eifrig weiter zitiert. Der Literaturberg weiter ausgehöhlt. Stollen werden in diesen gejagt und Zitate Regenwürmern gleich aus der Erde gezogen. Wenn ich eine Olive in unseren Bach werfe, wird diese einfach weggeschwemmt. Wer weiss: Wenn sie irgendwo auf ihrem Weg im Erdreich versickert, taucht sie eines Tages möglicherweise als Zitat wieder auf, als Inkohlung einer meiner Gedanken. Wenn aus Baumblättern Kohle wird, dann wird aus meinen Oliven auch Literatur. Das stelle ich dir gegenüber ganz nüchtern fest. Nimm es wie du willst. Wenn du mich nicht reden lässt, dann geht der Welt ein Poet verloren.“

Du sprichst mir Mut zu. Ich werde um den Zitatenberg herum gehen und schauen, was sich auf der anderen Seite verbirgt. Ich gehe an der Literatur vorbei. Ich gehe an der Gesellschaft vorbei. Ich gehe an der Kunst vorbei. Ich gehe an der Küche vorbei. Aber da taucht die Wissenschaft auf. Sogar die exakten Wissenschaften. Diese definieren sich gemäss dem Physiker Niels Bohr wie folgt: „Aufgabe der Naturwissenschaft ist es nicht nur die Erfahrung zu erweitern, sondern in diese Erfahrung eine Ordnung zu bringen.“ Der Mathematiker Alfred North Whitehead schliesst sich seinem Kollegen an: „Die Kunst des Fortschritts besteht darin, inmitten des Wechsels Ordnung zu wahren, inmitten der Ordnung den Wechsel aufrechtzuerhalten.“ Auch Naturwissenschafter machen sich für Autonomie stark. Der Physiker Carl Friedrich von Weizäcker fordert: „Freiheit existiert nur, wenn Ordnung da ist und nicht, wenn Ordnung zerstört ist.“ Blaise Pascal, Mathematiker, Physiker und vieles andere mehr, ortet in einem Satz die Quelle seiner selbst: „Nicht im Raume darf ich meine Würde suchen, sondern in der Ordnung seiner Gedanken.“ Kurz und knapp stellt der Evolutionsbiologe Ernst Mayr fest: „Evolution schafft Ordnung.“

Im Berg stösst die Wissenschaft mit der Freiheit zusammen und allem, was mir ihr zusammen hängt. Diese verpasst der Ordnung einen höllischen Stoss und sprengt ihre Grenzen. Neues Terrain tut sich auf, das zu erkunden sich wirklich lohnt. Der Schriftsteller Hartmut von Hentig gibt den Weg vor: „Die Antwort auf unsere behauptete oder tatsächliche Orientierungslosigkeit ist Bildung – nicht Wissenschaft, nicht Information, nicht die Kommunikationsgesellschaft, nicht moralische Aufrüstung, nicht der Ordnungsstaat.“ Es ist also alles andere als müssig, wenn ich jetzt in unserem Zitatenberg nach anderen geographischen Eckpunkten als den europäisch-amerikanischen Kulturraum suche. Wissenserweiterung trägt zur Bildung bei. Als erster tritt Konfuzius mit einem Zitat an: „Nennt das Runde rund und das Eckige eckig, dann ist der Staat in Ordnung.“ Ihm folgt Lü Bu We: „Ist die eigene Person in Ordnung, so kommt die Familie in Ordnung; ist die Familie in Ordnung, so kommt der Staat in Ordnung; ist der Staat in Ordnung, so kommt die Welt in Ordnung.“ Ein weiteres von K’ung-fu-tzu: „Wenn die Begriffe sich verwirren, ist die Welt in Unordnung.“ Zhuangzi: „Die guten Herrscher bringen den Menschen eine Ordnung, die sie fröhlicher macht.“ Ghandi: „Während du die Besatzung bekämpfst, bringe Ordnung in dein Haus.“

Der Zitatenschatz ist unermesslich und ohne Ende sein Ausstoss. Er fliesst dahin wie ein grosser Fluss, der aus unzähligen Quellen genährt wird. Kelle für Kelle gibt er Erfrischendes und weniger Erfrischendes frei. Der Zitatenschatz hat etwas von einem Wortschwall, der sich kaskadenhaft in die Lehrbücher und Redetext ergiesst. Er entwickelt eine Klangvielfalt, wie sie nur eine Symphonie wieder zu geben vermag. Eine solche soll hier angestimmt werden. Der Stoff, aus dem der rote Faden gezogen wird, ist vorgegeben. Verschiedene Töne geben die Melodien vor. Den ersten Ton schlägt Ina Seidel an: „Musik bringt Ordnung in das Geräusch der Welt.“

Fortsetzung

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