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Mit Bedacht nähere ich mich dem Geheimnis des Phänomens Zitat. Mich kitzelt kein Rausch. Nur reiner Sachverstand lenkt mein Denken. Beim bewussten und nicht anmassend preziösen Rezitieren all dieser Zitat taucht schleichend, aber mit wachsendem Nachdruck die Frage auf: Wie haben es diese Sätze geschafft, auserkoren, über die anderen gesetzt zu werden, so dass sie zitierwürdig werden? Das Internet deklariert sie als rhetorisch stubenrein und somit als einbauwürdig in Reden. Der Verdacht lässt sich nicht von der Hand weisen, dass in dem einen oder anderen Fall nachgeholfen wurde, um dies oder jenes Bonmot in den Olymp der zitierfähigen Literaturversatzstücke zu heben. Eines ist klar: Ein Toter kann seine Sätze nicht ins Internet stellen. Aber bei den Lebenden kann durchaus der Fall eintreten, dass mit eigener Hand die eine oder andere Sentenz in eine einschlägige Site des weltweiten Netzes geschoben wird, um die eigene Quote zu heben. Die Fernsehanstalten machen es vor: Billige Unterhaltungssendungen buhlen um Quoten. Dabei wird nicht wählerisch im Topf der Untalentierten gerührt, in der Hoffnung, es finde sich eine Perle. Dadurch werden aber die Talente nicht besser und die Sendungen noch weniger.

Unweigerlich schliesst sich an diese Überlegungen die nächste Frage an: Ist die Qualität des Zitates und somit dessen Güte besser, wenn bei der Auswahl einer solchen Sprachperle der sichere Wert berühmter und gestandener Persönlichkeiten beigezogen wird, nämlich deren Namen oder Titel? Der Test sei gewagt. Wer ist die erste Berühmtheit: „Gebraucht der Zeit, sie geht so schnell von hinnen, doch Ordnung lehrt Euch Zeit gewinnen.“ Das Konstrukt stammt von keinem Geringeren als Johann Wolfgang von Goethe. Macht dieser berühmte Name das Zitat besser, als es ist? Der Herr von Goethe ist weit herum bekannt und bürgt für Tiefgang, Witz und auch sprachliche Verschlagenheit. Kandidat Nummer zwei: „Eines Tages wird alles gut sein, das ist unsere Hoffnung. Heute ist alles in Ordnung, das ist unsere Illusion.” Diese Feststellung hätte von einer Kandidatin sein können, stammt aber von Voltaire. Weitere Berühmtheit: Johann Christoph Friedrich von Schiller. Verdient dessen Bemerkung zur Ordnung den Eingang ins Olymp des Zitatenlexikons: „Der Weg zur Ordnung, ging er auch durch Krümmen, es ist kein Umweg.“ Ein weitere Koryphäe: „Wie sich der Teil zum Ganzen verhält, so die Ordnung des Teils zur Ordnung des Ganzen.“ Das schreibt Dante Alighieri. Aus Königsberg: „Ordnung ist die Verbindung des Vielen nach einer Regel.“ Von Immanuel Kant.

„Ordnung ist Macht.“ Mal was anderes! Mit diesem Satz spricht der Philosoph Henri Frédéric Amiel eine ganz neue Kategorie von zitierfähigen Weisheiten ein. „Die Güte eines Heeres beruht sowohl auf seiner eigenen Ordnung als auch auf seinem Feldherrn, ja in noch höherem Grade auf diesem: Denn dieser ist nicht ein Werk der Ordnung, sondern die Ordnung ist sein Werk.“ Diesen Satz von Aristoteles hat die Geschichte nicht unkommentiert übernommen. In seiner ausschliessenden Endgültigkeit birgt er die Gefahr, welche der Wirtschaftsfachmann Helmut Sihler auf den Nenner bringt: „Ordnung führt zu perfektem Stillstand.“ Einen ganz besonderen Tupfer setzt der Ordnung, die in Bewegung ist, Napoleon Bonaparte auf: „Ordnung marschiert mit gewichtigen und gemessenen Schritten, Unordnung ist immer in Eile“

„Was du mir da serviert, ist ein rechtes Jammertal an Zitaten. Berühmte Namen, einige weniger berühmt. Klug werde ich aber aus dem Ganzen nicht. Die Zitate perlen ab wie am Glas die Perlen des Champagners. Jedes Zitat ist ein klarer Tupfer in deiner Rede. Doch der Tupfer zerplatzt, wie die Blase im Champagner. In jeder meiner Oliven ist mehr Halt und Kraft als in deinen Zitaten.“

Die Ordnung misst sich nicht an der Güte der ausgewählten Zitate. Die Ordnung greift tiefer. Sie ist alles umfassend. Die Ordnung darf nichts ausschliessen. Kein einziges Zitat. Sonst geht die Ordnung nicht auf. Es bleibt ein Makel.

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