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„Du hast mir da einen ganzen Strauss an Oliven geliefert, wenn nicht sogar einen ganzen Olivenbaum. Hand aufs Herz: Willst du mich mit deinen Zitaten erschlagen? Hinter alledem, was du sagst, verbirgt sich sicher etwas Tieferes. Ich fühle es. Ich erahne es. Doch mit all dem kann ich trotzdem nichts Rechtes anfangen. Es fehlt wirklich deutlich an Übersicht. Deine Zitiererei wird zum Fallbeil deiner Ordnung. Sie wird dir noch ein Bein stellen, sodass du fällst, gefällt durch dein Wissen.“

In das Chaos muss Ordnung gebracht werden. Chaos und Mensch bilden ein schicksalsschweres Paar. Pythagoras zugeschrieben ist die Aussage: „Es gibt ein gutes Prinzip, das die Ordnung, das Licht und den Mann, und ein schlechtes Prinzip, das das Chaos, die Finsternis und die Frau geschaffen hat.“ Nicht minder wirkt William James Durant, Philosoph und Schriftsteller, einen Kranz aus Stacheldraht um unser Schicksal: „Eine Zivilisation beginnt mit Ordnung, wächst mit Gerechtigkeit und stirbt im Chaos.“ Interessant wäre zu wissen, in welchem Zusammenhang der Satiriker Kraus Karl dies gesagt hat: „Das Chaos sei willkommen, denn die Ordnung hat versagt.“

Eine ganze andere Annäherung an das Chaos in seiner Verbindung wagt der Physiker Albert Einstein. Er wird wie folgt zitiert: „Ordnung braucht nur der Dumme, das Genie beherrscht das Chaos.“ Oder sagt er: „Nur kleine Geister halten Ordnung, Genies überblicken das Chaos.“ Heisst es nicht zuletzt doch: „Genies beherrschen das Chaos, nur Dumme halten Ordnung.“ Diese Wirrsal an Wendungen kommt nur zustande, weil der genannte Herr diesen denkwürdigen Ausspruch nicht in deutscher Sprache tat, sondern auf Englisch, was ursprünglich heisst: „Only the stupid need organization, the genius controls the chaos!“

„Jetzt wurde aus dem Baum ein Olivenhain. Der Wissensschatz hat den Humus für einen ganzen Hain gelegt. Was zitiert werden kann, spriesst nach allen Richtungen und zwar unkontrolliert. Mir ist schon ganz schwindlig von diesem Überschuss, Überfluss, diesem Überfliessen über die Ränder, wie Bierschaum oder meinetwegen Champagnerschaum, der über den Glasrand auf den Tisch fliesst. Champagner passt besser zu meinen Oliven, von denen ich aber keine mehr auf meinem Tisch habe, dafür aber umso mehr in meinem Schädel. Auch die Übersicht über alles, was du sagst, geht mir zur Neige. Der Wein geht denselben Weg. Und wohin führt dieser? Zu den Zitaten. Dieser Weg mündet in Chaos und Unordnung. Zu Olivensteinen in meinem Schädel.“

Wenn die Ordnung nicht streng eingehalten wird, ist das ihr Weg. Kurt Tucholsky liefert den Beweis. Dieser Schriftsteller schreibt deutsch. Der Übersetzungsteufel kann darum bei der Erklärung „Die Seele jeder Ordnung ist ein grosser Papierkorb“ seine Hand nicht im Spiel haben, denn diese Sentenz wird auch wiedergegeben als: „Die Basis einer gesunden Ordnung ist ein grosser Papierkorb.“ Was nun? Was tun? Den ganzen Tucholsky lesen, um auf den wahren Kern des Satzes zu stossen? Welchen dieser beiden Sätze schreibt Tucholsky wirklich? Welchen schreibt er zuerst? Welcher hat Vorrang? Im Zitatenschatz mangelt es an Ordnung.

Zitate haben die Eigentümlichkeit, dass man ihnen glaubt und traut und meist ungeprüft lässt, was zitiert wird. Der beigefügte Name bürgt für die Echtheit. Je bekannter der Name, desto grösser das Vertrauenspotential. Auch wenn man ihn lediglich nur vom Hörensagen irgendwie kennt. Bezüglich der heute immensen Zitatensammlung muss ich darum fragen: Ist es immer wahr und wahrhaftig, was da verkündet wird? Mit böser Zunge lässt sich bemerken: Wer denkt, braucht kein Zitat. Wer eloquent ist, benötigt kein Zitat. Und nachgedoppelt: Zitate dienen dazu, um über das eigene Denkunvermögen hinweg zu täuschen.

Fortsetzung

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