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Wilhelm Schnepfensskorn entgegnete: „Du brauchst nur mitten in dein Schachbrett eine Stange zu stecken und eine Fahne daran zu hängen und schon hast du eine Ordnung, an der du dich orientieren kannst. Die Ebene da unten mit ihren Linien, von denen du vermeintlich glaubst, sie seien gerade, bietet mehr Ansätze als dein Schach, um die Ordnung zu durchschauen. Ja, die moderne Kunst vermeint, mit klaren Linien und Formen Wirklichkeit abzubilden. Diese ist aber viel subtiler, ihre Formen sind viel verspielter. Unter dem Mikroskop zeigt sich vieles, von dem man denkt, dass es dies gar nicht gibt. Das ist das Schöne an der Wissenschaft: Sie kann keinen klaren Linien folgen. Sie muss auf Entdeckungsreise gehen, etwas wagen. Das nennt sich Phantasie. Diese bringt uns weiter. Nicht die Regeln. Die Biegung des Raums, diese Erkenntnis ist eine grossartige Entdeckung. Mein Freund, dein Schachbrett kann in keiner Weise darlegen, was der Mensch noch entdecken und erfinden wird. Dein Brett ist eine Koppel von Feldern, in denen der Geist eingesperrt ist und nicht ausbrechen kann. Die Wissenschaft dagegen ist Kunst, die den Weg frei macht, um zu immer neuen Horizonten zu gelangen und über sie hinaus zu greifen. Die Wissenschaft kennt kein Matt, dieses Ziel, nach dem zu greifen der Sinn und das Trachten des Schachspielers liegt. Das Schachspiel ist des ewig Gleichen Wiederkehr.“

„Du wirst wissenschaftlich und zynisch.“

Auf diesem Grat kam die ewige Spannung, welche die Beziehung der beiden jungen Männer in einem unsicheren Gleichgewicht hielt, einmal mehr zum Ausdruck. Die beiden fanden sich nicht – wie es so schön in der volkstümlichen Ausdrucksweise heisst. Sie sprachen zwar miteinander, aneinander aber doch vorbei. Obwohl sie viel Seite an Seite verkehrten, kam es nicht zur Synthese, die beide in eine gleiche Richtung führte.

Der gemeinsame Gang durch das Leben kann auseinander führen. Man begegnet sich nicht, obwohl man sich sehr nahe steht, vom Standpunkt der geographischen Nähe aus gesehen.

Ein Berggrat bietet zuweilen nicht viel Raum. Die Enge muss an solchen Orten als Faktum anerkannt werden. Wer diesen Fakt als Fake betrachtet, fällt hinunter.

Kabar Extas und Wilhelm Schnepfensskorn sassen nahe beieinander und doch so fern zueinander. Der Grat führte sie zusammen. Der Grat bleibt ein Grat, auch wenn eine Wanderung über diesen führt – eine Gratwanderung, in der verschiedene Meinungen und Ansichten aufeinander prallen. Ansichten, wie sie auf Postkarten wiedergegeben werden, etwa von der Ebene, die zu der Beiden Füssen lag.

Der Eine hätte sich wohl eine Postkarte mit krummen Rändern gewünscht. Der Andere gab sich zufrieden mit dem, was die traditionelle Ansichtskarte bot: gerade Linien, gerade Gedanken. Eine Postkarte, die ins Schema „F“ passt und darum im Widerspruch zu jenen Formen steht, die frisch und fröhlich eigenen Schnittmustern folgt; etwa zu Postkarten in Herz- oder Fischform oder solchen, die, nach Frauenkörpern geschnitten, einer interessierten Kundschaft präsentiert werden.

Ob gerundet oder eckig: Die Ebene gab von sich kein klares Bild. Humus bot der Grat wenig. Es reichte für etwas Gras, welches fast Kniehoch stand. Doch Halt gewährten die Halme den beiden Herren keinen, die dem Geheimnis der Ebene auf der Spur waren, das Geheimnis jedoch nicht aufdeckten, weil der eine der beiden Herren in den Geraden die Krumme suchte. Er dachte sich durch den Dunst hindurch, der über dem Erdrund lag und den Horizont als Gerade bog.

Fortsetzung

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