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kf Meinung

„Ja, mein Freund, wir müssen uns nicht so gehaben, als hätten wir einen Sack Kartoffeln hier herauf getragen und als seien wir nun gliederschwach und denkfaul, ausgelaugt vom eigenen Blut, das nach Sauerstoff lechzt. Sollten uns aber beim Hinaufsteigen tatsächlich die Kräfte abhanden gekommen sein, dann können wir einige Schritte zurück treten und uns in die Hütte begeben, um uns zu stärken. Was aber nicht so gut wäre. Die Lichtverhältnisse über der Ebene sind heute ausgezeichnet und regen zum Denken an. Diese ganze Fläche mit ihren Tälern und Hügeln erscheint leicht in einem verklärten Licht. Heute erzählt die Ebene viel. Sie liegt so klar vor mir, wie dir dein Schachbrett. Wir sollten uns ihren Vortrag nicht entgehen lassen. Der Dunst ist eher schwach. Man blickt mit wenig Aufwand durch ihn hindurch. Den Gang in die Hütte sollten wir darum noch etwas hinaus schieben. Was hältst du von dem Vorschlag?“

„Du hast wieder einmal die Schwatzhaftigkeit auf. Wir bleiben besser draussen. Hier stört es niemanden, wenn du dich geistig über die Ebene ergiesst.“

„Gut gesagt! Wir müssen draussen bleiben. Dein Blick ist noch nicht genug geschärft für all die Kostbarkeiten, die uns zu Füssen liegen. Das werden wir noch hinkriegen.“

„Ich lasse mich nicht biegen.“

„Wer will das schon! Die Ebene ist schon gebogen genug, optisch zum Teil gar nicht wahrnehmbar, wenn ich mir das so betrachte.“

„Ich weiss: Täuschung.“

Ein Land, ein schönes Land, das den beiden zu Füssen lag und Einblick in die Ebenen und über die niederen Hügel gewährte, welche den Berg umgaben, auf dem die beiden standen. Was nah wirkte, lag doch sehr fern. Wer sich dorthin begeben wollte, musste nicht in Gehminuten rechnen, sondern in Gehstunden. Bis an einige Orte, die in der Ferne ausgemacht werden konnten, dauerte es Tage, wenn man sich zu Fuss dorthin begab.

Die Linien in der Ebene kreuzten sich auf vielfältige Art und Weise, stellten sich zu einer Landkarte zusammen und formten so das buntscheckige Bild einer Landschaft, deren Anblick anmutig und gehaltvoll zum geistigen Verweilen aufforderte.

Das Bild einer derart freien, im nachmittäglichen Dunst sanft dahin schwebenden Landschaft hielt dazu an, dem Hickhack zu entfliehen, das die Ordnung veranstaltet, wenn sie mit strengem Blick die hierarchische Rangkonstellation bestimmt und allem, was eingeordnet werden soll, seinen festen Platz auf der Karriereleiter zuweist. Den einen wird diese zur Himmelsleiter, andere behalten die Füsse auf dem Boden.

Ganz anders da oben. Ein leichter Wind bewegte die Luft, so dass sie nicht zu jenem Stillstand fand, der die Ordnung auszeichnet. Die Gedanken flogen hierhin, dorthin, durften für einmal Schmetterling sein und sich auf einer Blume niederlassen, deren betörender Duft in einer Umgebung, wo alles möglich scheint, das Gefühl der Geborgenheit verstärkte.

Über der Ebene lud die in Freiheit gebettete Landschaft zum freien Gehen ein, zum erholsamen Herumschweifen über Wiesen und Bergkuppen, zum Anhalten angesichts eigener Gedanken, neuer Einsichten und dem Bedürfnis, eine Pause beim Sinnieren einzulegen. Solches bietet sich an, wenn die Ebene, für den Moment unerreichbar, lediglich mit den Augen fassbar, weit entfernt wirkt und darum mit ihren Verpflichtungen des Alltags wie aus einer anderen Welt auftaucht und als Fremdkörper vor dem Bergkamm liegt.

Fortsetzung

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