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kd Meinung

Blieb noch die Frage, wo die Frauen im Leben der beiden Herren ihren Platz hatten. Das war zwischen ihnen keine Frage – auch wenn sie nicht oft mit Frauen zusammen gesehen wurden. Aber nie eine feste Beziehung. Also kein Material für eine Geschichte voller grosser Leidenschaften, einem Auf und Ab von mäandernden Gängen durch tiefe emotionale Talschaften und hinauf in seelische wie beglückenden Höhen, also einer Folge von Gipfelerlebnissen, beides stete Begleiter jeder zwischenmenschlichen Beziehung. Sondern vielmehr Leidenschaften, die sich auf die Räume im Geist konzentrierten und möglicherweise in Gesprächen wie dem folgenden ihren Ausdruck fanden; einem Gespräch, aufgenommen, als die beiden während einer Bergwanderung eine Rast einlegten. Sie befanden sich auf einer Anhöhe. Sie blickten von ihrem Standort auf eine Ebene hinab, welche die gekrümmte Kurve genannt wurde, obwohl weit und breit eine solche nicht auszumachen war. Es war Wilhelm Schnepfensskorn, der sprach:

„Du stehst an einem Fenster im dritten Stock. Das Haus gegenüber zählt sieben Stockwerke. Die Strasse ist eng. Die gegenüberlegende Fassade ist nicht weit entfernt. Fast zum Greifen nah. Du bemerkst, mein lieber Freund, meine präzise Sprache. Es sind kurze Sätze und das erhöht die wissenschaftliche Präzision. Du siehst in die Zimmer gegenüber hinein und erkennst sogar Menschen.“

„Du wirst unpräzise.“

„Lass mich jetzt reden und fall mir nicht in meine Sätze, so dass sie brutal zweigeteilt werden, so brutal wie die Leute im Mittelalter, welche der Zweihänder tranchierte. Mein nächster Gedanke: Was bringt dir das, dass du die Menschen im gegenüber liegenden Haus siehst, die in keiner Beziehung zu dir stehen oder vielmehr nur der einen, als dass auch sie Menschen sind? Du sitzest in einem Café. Am Nebentisch knutschen sich zwei ab. Was geht dich das an? Du blickst ihnen vielleicht auf die Beine und auf die Hände und auf die Brust. Und damit hat es sich. Was zählen diese Einzelheiten? Auf das Ganze kommt es an. Man muss das Grosse verstehen. Wenn man sieht, wie zwei sich abknutschen und man nicht weiss, was Liebe ist, dann ist es, als sehe man, wie zwei Stück Fleisch aneinandergerieben werden. Das Fenster in der Fassade gegenüber gewährt einen Einblick, der flüchtig und äussert begrenzt ist. Mehr als Voyeurismus liegt nicht drin. Siehst du aber die ganze Fassade, dann setzen sich die Bilder zu einem Ganzen zusammen. Dann erst kannst du verstehen, was hinter dieser Fassade geschieht, was dahinter steckt. Wenn du nur ein Detail hinauspickst, wirst du nie das Ganze durchblicken. Erst wenn du das Ganze siehst, erkennst du, was das Detail will. Ein einzelner Blick wird dich falsch leiten und das Haus wird zu einem Labyrinth, in dem du dich nicht zurecht findest und aus dem du nicht wieder hinaus kommst, weil du nicht weist, wo der Ausgang ist. Ich liebe diese Ebene wegen dem Namen, den man ihr gegeben hat.“

„Du hast immer so seltsame Ideen. Auf das Ganze kommt es an. Labyrinth. Aus dem willst du hinaus. Das sind so schrullige Gedanken, wie auch dein Ansinnen, die Pferdestärken auszurechnen, welche die Kiefer erzeugen, wenn sie in Fleisch oder in Brot hinein beissen.“

„Nicht PS. Kilowatt heisst das heute. Der Mensch hat seine Sprache modernisiert, präzisiert und verfeinert. Er spricht genauer, und darum verstehen wir uns besser.“

„Der Name deiner Ebene ist der Ausbund der Verständlichkeit. Gekrümmte Kurve! Krümmer könnte ein Wortspiel nicht sein. Ich, jedenfalls, mache da unten nirgends eine gerade Kurve aus. Und um dieses Krumme zu sehen, sind wir hier hinauf gestiegen. Was ich sehe, sagt mir: Wir haben uns einmal mehr für nichts bemüht.“

„Du besitzest den Blick nicht für jene Fähigkeit, die in der Wissenschaft notwendig ist, um Dinge wahrzunehmen, um Dinge zu verstehen, die sind.“

„Deine Ebene heisst gar nichts. Das muss wieder so eine Schnapsidee von dir sein, eines deiner geistigen krummen Dinger.“

Fortsetzung

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