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„Wie kommst du auf die Idee?“

„Bei euch Schachspielern weiss man nie, in welche Richtung die Ideen gehen.“

„Ja, heute, ist wirklich viel auf dem Programm. Wenn ich mich jetzt umblicke, dann sehe ich, dass ich tatsächlich am Posten vorbei gegangen bin.“

„Und, wie konnte das geschehen?“

„Ja, wie konnte das geschehen? Ich war in Gedanken. Ich dachte an eine Pizza.“

„Du musst wegen einer Pizza auf den Polizeiposten!“, rief Jan Hüldermühle erstaunt aus.

„Nicht wegen einer Pizza“, antwortete Kabar Extas. „Was habe ich mit einer Pizza zu tun?“ Und entrüstet fuhr Kabar Extas fort: „Was habe ich mit einer Pizza zu tun? Nichts! Rein gar nichts! Und schon rein gar nichts auf dem Posten. Pizzas sind völlig unbrauchbar. Sie gehorchen keiner Regel. Sie sind nur zum Fressen gut. Was soll ich also mit einer Pizza, die ich nur fressen kann. Sie kann mir gestohlen bleiben. Sie mag im Ofen verkohlen oder an ihrem Käse ersticken. Ich habe nichts mit einer Pizza zu tun, rein gar nichts.“

„Keine Aufregung, Kabar! Mach schon mal Halt. Ist dir etwa eine Pizza im Hals stecken geblieben?“

„Nichts, rein gar nichts habe ich im Hals. Am wenigsten eine Pizza.“

„Schon gut. Das nehme ich dir ab, dass du keine Pizza im Hals stecken hast. Denn, wenn du das hättest, dann wärst du am Ersticken.“

Das war Öl auf die angeglühten Nerven des Schachspielers, dem es auf seinem Gang zum Amt zunehmend an Humor zu mangeln begann. Mit jedem Schritt und mit jeder neuen Begebenheit, die ihn aufhielt, wuchs die Unlust des Aufgebotenen, sich mit anderen Dingen zu befassen als mit jenen, die den Besuch des Postens direkt betrafen. Darum entgegnete der Abgefangene: „Du verstehst rein gar nichts. Mit Pizzas habe ich nichts zu tun und schon gar nicht mit solchen, die nicht einmal rund sind und wegen ihrer unvernünftigen Dimension über den Tellerrand hinaus hängen wie ein Spieler, dem die Puste ausgegangen ist und dem die Zunge aus dem Mund hinaus hängt! Nichts!“

„Ok, aber jetzt beruhige dich. Wieso musst du aufs Amt?“

„Ich sage es dir zum letzten Mal: nicht wegen einer Pizza. Dass es dir nur nicht noch einmal einfällt, von einer Pizza zu reden!“, warnte Kabar Extas und ergänzte pathetisch: „Ich bin von Amtes wegen aufgeboten.“

Der Andere nahm den Faden auf: „Aufgeboten. Das tönt ja höllisch. Was hast du verbrochen?“

„Nichts, rein gar nichts. Du willst schon wieder mit Pizzas anfangen. Ich habe keine gefressen. Es steckt mir keine im Hals.“ – „Das habe ich auch gar nicht behauptet. Aber nun höre mal auf, dich aufzuregen. Was ist geschehen, damit dich das Amt aufbietet. Einfach so von der Strasse wird man nicht aufgeboten.“ – „Ich war auch nicht auf der Strasse, als das Telefon kam, sondern zuhause. Brav zu Hause. Also trifft mich keine Schuld. Ich bin völlig schuldlos daran, dass ich aufgeboten wurde.“ – „Aber irgendetwas muss verbrochen worden sein. Sonst wird man nicht aufgeboten.“ – „Das ist es eben.“

Der Wortwechsel war in schneller Folge abgegangen und hatte beide ausser Atem gelassen als Folge einer Stresssituation, die entstanden war, weil einer der Gesprächspartner Zeit hatte für einen Gedankenaustausch, der andere nicht. Zu solchen unwegsamen Begegnungen, wie sie sich etwa bei einer Wanderung durch eine Alpenlandschaft an schwierigen Passagen durch unfreundliches Felsengebiet ergeben können, kommt es immer dann, wenn die Zeit eilt, ein Zug dicht vor der Abfahrt steht, ein Zug ausgeführt werden muss, weil die Schachuhr drängt, oder zu Hause das Telefon läutet, während das Minutensteak in der Bratpfanne gedreht wird. Bei einem solchen Gespräch ergibt sich ein Missverständnis aus dem Anderen. An solchem haben andere Freude, der Gestresste dagegen nicht. Derartige Wortgeplänkel haben einen grossen Unterhaltungswert, sind schnell gelesen, treiben aber auch eine Story vorwärts, sind also ein beschleunigendes Element in einem Text. Darum sei hier weiter ausgeführt, was sich die beiden Männer zu sagen hatten, auch wenn die Diskussion ein weiteres Hindernis auf dem Gang Kabar Extas zum Posten war und die Ankunft weiter verzögert wurde.

„Ich habe keine Ahnung, warum ich aufgeboten wurde. Ich überlege daran herum, am Grund, und kann ihn nicht finden. Das wird der Grund dafür sein, dass ich an dem Posten vorbei gegangen bin. Wenn sich jemand keiner Schuld bewusst ist, dann weiss er auch nicht, warum er sich auf den Posten begeben muss.“

„Eines ist aber sicher: Es war nicht wegen einer Pizza.“

„Pizza! Ich schmeiss dir eine an den Kopf!“

„Also bitte, brems schon! Erst kommst du daher und hast den Kopf in den Wolken und es sei wegen einer Pizza. Dann willst du noch mit einer solchen um dich werfen. Ich will schon gar nicht mehr wissen, was mit dieser Pizza ist. Eine hat dich jedenfalls recht fest gebissen. Ja, brems schon! Ich sage nichts mehr von Pizza. Also, dass du so aus dem Häuschen bist, da muss es schon eine Sache sein mit dem Aufgebot. Etwas müssen sie am Telefon gesagt haben. Man kann nicht einfach jemanden aufrufen und sagen: Kommen sie mal her. Man muss einen Grund nennen. Auch die Behörde.“

„Das hat sie auch getan. Sonst wäre ich jetzt nicht unterwegs und auch nicht am Posten vorbei gegangen.“

„Und, was haben sie für einen Grund angegeben?“

„Welm, Welm haben sie gesagt.“

„Welm?“

„Ja, Welm. Das ist alles.“

„Und das ist alles?“

„Ja, das ist alles. Ich bin sofort aufgebrochen. Nun stehe ich hier und muss wohl wieder zurück.“

„Zu dir nach Hause?“

„Das wäre eine Möglichkeit. So könnte ich mir die Sache mit dem Posten ersparen.“

„Also, wenn die Polizei für dich Zeit aufgespart hat, dann wirst du wohl nicht darum herum kommen, ihrem Wunsch nachzukommen.“

„Mein Wunsch ist es nicht, zu ihnen zu gehen. Unter uns gesagt: Ich möchte am liebsten einfach geradeaus weiter gehen.“

„Dann wirst du aber nicht wissen, was mit Welm ist.“

„Ja, aber Welm kann mir auch gestohlen bleiben. Ich wüsste nicht, was ich mit ihm zu tun habe, so dass man mich wegen ihm auf den Polizeiposten beordert.“

„Gut gesagt. Auch er ist ein Grund, den man umgehen muss. Und das hast du ja auch gemacht, indem du am Posten vorbei gegangen bist und ihm aus dem Weg. Er wird sich schon selber zu helfen wissen, wo er auch ist.“

 Fortsetzung

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