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ao Kupplung

Auf der Strasse herrschte eine fürchterliche Unordnung. Diese nahm gegen den Feierabendverkehr hin immer immensere Ausmasse an. Die Verkehrsadern waren wegen der stehenden oder dahin schleichenden Fahrzeuge fast total verstopft und kaum passierbar. Zum Teil standen die Autos dicht an dicht, so dass die Fussgänger, selber in einem Gedränge steckend, nicht auf die gegenüber liegende Trasseeseite ausweichen konnten, wo der Gehsteig weniger begangen wirkte. Lastwagen hielten einen etwas grösseren Abstand zum Vorfahrer. Doch die Vorderfront der Ungetüme flösste einen solchen Respekt ein, dass niemand es wagte, vor deren Kühler den Fuss auf die Strasse zu setzen.

Die Strasse war an jener Stelle, wo Kabar Extas Überlegungen anstellte, wie er weitergehen solle, etwas breiter und bestand aus mehreren Fahrbahnen, die unter anderem als Einspurstrecke auf einen Platz in geringer Entfernung dienten. Auf der gegenüberliegenden Seite der solcherart verbreiteten Strasse machte Kabar Extas eine grössere Gruppe von Leuten aus. Sie standen vor einer Wand und schauten zu, wie ein Plateaufahrzeug des Abschleppdienstes ein kaputtes Auto auf seine Ladefläche hievte. Der Raum war polizeilich abgesperrt, was aber viele Passanten nicht daran hinderte, stehen zu bleiben und zu beobachten, was geschah. Auf Kabar Extas Strassenseite hatten ebenfalls Personen angehalten und unterhielten sich.

Kabar Extas hörte sich an, das Augenmerk auf das Geschehen vor der Wand gerichtet, was von Mund zu Mund zum Besten gegeben wurde.

„Ja, der Kerl ist nur so gegen die Wand geklatscht, pflatsch!“ – „Das ist völlig daneben.“ – „Einfach so zur Freude. Es war gar nicht nötig.“

Aus dem, was Kabar Extas vernahm, wurde er nicht klug. Er wollte sich aber nicht in ein Gespräch einmischen, um nachzufragen, was drüben genau los war. Denn er fürchtete, er werde noch einmal viel Zeit verlieren, wenn er sich erneut in eine Diskussion einliess.

Falls das, was dort drüben vorgefallen war, eine besondere Bedeutung hatte, dann würde er es mit Sicherheit am folgenden Tag über die Zeitung erfahren. Medienleute waren jedenfalls zur Stelle. Neben den Fotoapparaten machte Kabar Extas eine Filmkamera aus. Diese gehörte einem Ein–Mann–Reporter–Team: Filmer, Interviewer, Berichterstatter, Toningenieur und Kommentator in Personalunion. Der Multifunktionalmensch schwenkte sein Gerät hierhin und dorthin und filmte immer wieder in Richtung des nahen Platzes, in welchen die Strasse mündete. Dort schien der Filmer ein bestimmtes Ziel im Visier zu haben, denn er schraubte wie wild an seiner Kamera herum. Vermutlich war der Wagen von diesem Platz her gekommen.

Das Spektakel drüben vor der Wand neigte sich dem Ende zu. Das Aufladen des Wagens bildete das Schlussbouquet der Szenerie.

Das, was hier geschehen war, musste sich schon vor einiger Zeit ereignet haben. Was sich nun abspielte, war nur noch der Abklatsch des Hauptereignisses, das jetzt durch die Neuigkeitenmühle gedroschen wurde: „Da, hier, ist er gekommen und dann einfach so drüben in die Wand.“ – „Der Wagen ist Totalschaden.“ – „Unsereins kann nicht so einfach seinen Wagen in die Wand fahren.“ – „Der hat vermutlich zu viel getrunken.“ – „Der wär gescheiter beim Pizzaessen geblieben.“ – „In die Klapsmühle gehört der.“– „Der Wagen ist weg. Jetzt dürften sie doch langsam wieder die Strasse frei geben.“ –“Denen gefällt’s, wenn schon mal was los ist. Bringt Beschäftigung und Abwechslung.“ – „Die halten sich für wichtig, wenn sie schon mal bedeutungsvoll herum stehen können.“ – „Dabei sind einige von denen ganz kurzsichtige Polizisten.“  – „Sie sind in ihrer Kluft hier und können den Verkehr regeln.“ –“Also. im Moment regelt sich nicht sehr viel.“ – „Ganz richtig, es regt sich nicht sehr viel.“ – „Es steht quasi alles und das im Multipack.“ – „Und alles wegen so einem dämlichen Unfall.“ – „Der Wagen war total eingekeilt. Die haben Stunden gebraucht, um ihn von der Wand zu lösen.“ – „Eingekeilt?“ – „Ja, sag ich dir, zwischen sich selber.“– „Und das alles wegen der Schweinerei auf dem Boden mit dem Öl.“ – „Glücklicherweise hat es keine Verletzte gegeben.“ – „Ist er auf dem Öl ausgerutscht?“

Kabar Extas erhielt sehr viele Informationen. Einen Reim über das, was genau vor sich gegangen war, konnte er sich nicht machen. Er hörte weiter diskret hin.

„Das hätte etwas abgegeben, wie der über die Strasse gefahren ist!“ – „Mitten durch die anderen Autos hindurch.“ – „Das hätte etwas Böses gegeben, wenn ihm ein Fussgänger vor die Räder geraten wäre und dann noch ein anderer und noch einer.“ – „Massenkarambolage!“  – „Das mitten in der Stadt, wo keiner schnell fährt und es auch keinen Nebel hatte.“ – „Heute drückt man den Ausweis schon seltsamen Gestalten in die Hand.“ – „Tote hätte es geben können! Die Leute haben kein Gewissen mehr.“ – „Aber einen Ausweis, mit dem sie sich auf der Strasse gehaben können, als ob sie ihn nicht hätten.“ – „Auf dieser Welt hat der Dümmste noch eine Karre.“ – „Hast recht. Und mit der Karre eine Knarre.“ – „An diesem Ort ist nichts mehr zu machen. Komm, lass uns was trinken gehen.“

Kabar Extas hörte sich an, was links und rechts zum Besten gegeben wurde, um schliesslich festzustellen, dass er schon wieder stand. Er schaute an sich selber hinunter: Die Schuhe befanden sich einer neben dem anderen. Tja, meint er zu sich, das war eine schöne Sache. Er hatte schon wieder unnötig Zeit vertan, hätte etwas erfahren wollen, hatte er aber nicht. Er wusste weder, was auf der anderen Strassenseite geschehen war, noch war er dem Posten einen bedeutenden Schritt näher gekommen.

Fortsetzung

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