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aj Schachtel 2

„Das würde ich nicht gesagt haben. Die Anzahl der Figuren auf dem Spielbrett ist zwar sehr begrenzt, so dass man, wenn man auf das Schachbrett hinab sieht, schon das Gefühl haben kann, da ist Übersicht und Ordnung. Jede Figur steht klar definiert auf einem fest zugeordneten Feld. Das nennt sich aber noch lange nicht Ordnung. Denn in dieser Ordnung finden sich die wenigsten Menschen zurecht. Für die meisten ist es doch völlig egal, ob eine Figur auf einem schwarzen Feld oder einem weissen steht oder ob die Figuren einander in die Quere geraten. Auf diesem Brett ist fürwahr für die meisten Menschen keine Klarheit, auch wenn die Aufstellung nach Ordnung riecht. Mit der Ordnung im Schach ist es wie mit dem Aufgebot zur Polizei. Beides ist ein Trugschluss.“
„Du bist wieder einmal recht böse. Ich habe nie bestritten, dass in deinen Zetteln Ordnung ist Wir sind im Fall Ordnung deckungsgleich: Du durchblickst die Ordnung des Schachs nicht, ich jene deiner Zettel nicht. Und gleichwohl ist in beiden Ordnung. Mich nimmt es aber wunder, ob du es merken würdest, wenn dir, wie mir im Fall mit der verlorenen Figur, ein Zettel abhanden kommen würde.“
„Das ist eine dieser merkwürdigen Fragen, die ich immer wieder höre. Die Leute haben zuweilen eine recht eigentümliche Einstellung zu dem, was man Logik nennt. Mit der Logik ist es wie mit der Ordnung. Hätten die etwas Ordnung in ihrer Logik, sie würden die Frage nicht stellen. Denn sie beantwortet sich von selbst. Natürlich hat es Ordnung in meinen Zetteln. Sonst würde ich in diesen nichts mehr finden, wenn ich etwas suche und in ihnen nicht Ordnung wäre. Das Problem der Ordnung kann ich natürlich umgehen, indem ich schon gar nicht etwas suche, sondern davon ausgehe, dass es schon am richtigen Ort sein wird und ich diesen Schatz hüte, als ob es der Nibelungenschatz wäre, den man nicht durcheinander bringen darf, in dem man in ihm nach etwas sucht. Dem ist aber nicht so. Ich suche zurzeit nicht, ich ordne, und zwar, damit ich nicht suchen muss. Du musst aber aus dem Gesagten nicht schliessen, ich ordne, weil ich sowieso nichts finden würde, in dem was ich geordnet habe, weil dort Unordnung herrscht; ich also Angst habe, ich würde nichts mehr finden, und ich, um dieser Angst zu begegnen, nun ordne, statt etwas zu suchen. Ich ordne vielmehr, damit ich später finden kann, was ich suche. Zweitens ist die Frage nicht überlegt aufgrund der Tatsache, dass Ordnung nur dort sein kann, wo Zettel sind. Je mehr Zettel es sind, desto grösser ist die Ordnung. Ordnung braucht es nicht, wo nur ein Zettel auf dem Tisch ist. Wenn nur ein Zettel auf dem Tisch liegt, dann findet man ihn auch, wo auch immer er liegt. Genauso verhält es sich mit deiner verlorenen Figur auf dem Boden. Wenn mehrere Figuren auf dem Boden lägen, dann wäre es schwieriger, genau deine verlorene Figur zu finden. Du siehst: Wir kommen immer näher an das Problem der vielen Zettel heran. Es muss gelöst werden. Als erstes braucht es Ordnung, damit man den richtigen finden kann. Ohne Ordnung findest du auch deine verlorene Figur nicht. Auf meinem Tisch liegen viele Zettel. Die Antwort auf deine Frage kannst du dir nun selber geben.“
„Das war nur so gefragt. Dein Tisch ist kein Schachbrett. Darum stellt sich die Frage nach der Ordnung, von mir aus gesehen, ganz von selbst. Es fehlen Linien auf dem Tisch, die der Ordnung Halt geben. Auf deinem Tisch sieht es so aus, als herrsche dort ein riesiges Durcheinander von ineinander und übereinander liegenden Zetteln. Wo da Ordnung ist, kann ich beim besten Willen nicht erkennen. Wenn jemand wie du die Ordnung des Schachbretts nicht durchblickt, dann kann es auch sein, dass in dessen Tun keine Ordnung ist, und ich darum nicht erkennen kann, was in dem Fall Ordnung sein soll. In deinen Zetteln würde ich jedenfalls nichts finden.“
Die Diskussion wurde intensiv geführt. Die Wortmeldungen gingen über die Tische hin und her, aber nicht in einem scharfen Ton, sondern freundlich, so dass niemand befürchten musste, im Lokal würden schliesslich zwei Streithähne aufeinander losgehen. Vielmehr hörten die wenigen Anwesenden neugierig und zum Teil belustigt zu, wie der Zettelordner sich verteidigte. Es war bei weitem nicht das erste Mal, dass er von einem Gast zur Rede gestellt wurde und sich wortreich zur Wehr setzte, als ginge es darum, nicht sich selber, sondern die Zettel selber vor dem Zugriff des Bösen zu bewahren.
Man kam zum Teil gezielt hierher, um sich den seltsamen Vogel Ida der Verzettler anzusehen und selber darüber Gedanken anzustellen, was es mit diesen Zetteln auf sich hatte. Auch wenn man keine Antwort fand, so war das Zusehen bereits ein guter Zeitvertreib. Man störte sich auch nicht daran, wenn ein Gespräch, wie im vorliegenden Fall, über einige Tische hinweg geführt wurde. Nun war es wieder Ida der Verzettler, der antwortete.
„Das kannst du auch gar nicht. Denn du weisst gar nicht, was du suchen musst. Mit der Wirklichkeit ist es viel komplizierter als mit dem Schachspiel, wo man nur Figuren platziert. Die Ordnung beginnt damit, dass man weiss, was man sucht. Wenn man das nicht weiss, dann fehlt schon der erste Bezugspunkt zur Ordnung. Die Ordnung beginnt nicht auf dem Tisch, sondern im Kopf. Dort musst du Ordnung haben, wenn du etwas auf meinem Tisch suchen willst. Es kommt noch hinzu, dass du auf meinem Tisch nichts zu suchen brauchst, weil du dort nichts verloren hast. Weder hast du da etwas liegen lassen, noch brauchst du an diesem Ort etwas zu suchen, was du brauchen könntest, denn bei dir liegt alles im Schach und dort findest du alles, was du für dein Leben brauchst.“
„Du bist ein Klugredner. Möglicherweise bist du auch ein Klugordner. Wenn soviel Klugheit auf deinem Tisch liegt wie in deinem Kopf, dann kann ich schon davon ausgehen, dass auf deinem Tisch Ordnung ist, auch wenn das, was ich auf deinem Tisch sehe, nicht nach Ordnung aussieht.“
„Lieber Freund, du urteilst zu sehr nach dem, was du siehst. Damit du dir ein Urteil bilden kannst über das, was auf dem Tisch liegt, musst du erst durch die Zettel und ihre Ordnung hindurch blicken. Dann erst darfst du das Urteil fällen und erklären: Auf meinem Tisch ist keine Ordnung! Im ganzen Lokal hier ist keine Ordnung! Wie willst du sagen, dieses Lokal sei ordentlich – nein, in Ordnung gehalten, das heisst, man findet, was man sucht. Suchst du den Besen, wirst du ihn nicht finden, obwohl mit Sicherheit irgendwo in diesem Lokal ein Besen steckt. Weil du nicht weisst, wo er steckt, musst du ihn unter grossem Zeitwand suchen, was das beste Zeichen dafür, dass hier nicht die Ordnung herrscht, die du dir wünschest. Und während der Suche wirst du zum Schluss kommen: In dem Lokal ist keine Ordnung! Wenn du den Besen schliesslich gefunden hast, wirst du sagen, weil du ihn so lange gesucht hast: In dem Lokal ist keine Ordnung. Ganz anders denkt dagegen Ida. Ach, alle heissen in dem Lokal Ida. In dem Lokal ist keine Ordnung! Ordnung beruht auf Verschiedenheit, so dass man die Dinge überhaupt voneinander unterscheiden kann und auf diese Weise der Grundstein dafür gelegt wird, dass Ordnung in die Dinge gebracht werden kann. Sogar dein Schach hat zwei Farben. Das ist der Beginn von Ordnung. Aber, um auf Ida zurückzukommen: Sie weiss, wo der Besen ist und wird darum nicht zulassen, dass wir sagen: In dem Lokal ist keine Ordnung. In dem Lokal ist nämlich Ordnung, auch wenn du das Gegenteilige behauptest.“
„Nun bleib aber bei deinen Zetteln! Ich habe nicht gesagt, im Lokal sei keine Ordnung. Nur das, was auf deinem Tisch ist, bei dem setze ich ein Fragezeichen, was die Ordnung betrifft. Du stellst jetzt einfach den Tisch gleich dem Lokal, bewegst wie bei der Rochade zwei Figuren auf einmal, was aber in dem Fall nicht zulässig ist, und erklärst: In dem Lokal ist keine Ordnung. Du willst ablenken von dem, was auf deinem Tisch ist, oder ebnen nicht ist, nämlich: Ordnung. Wäre dort Ordnung, dann kämst du nicht in Versuchung zu erklären: In dem Lokal ist keine Ordnung! Auf deinem Tisch ist keine Ordnung. Das ist es, was ich dir sage.“
„Du verdrehst alles. Es ist wie mit der Polizei. Du verdrehst alles. Das mit dem Lokal war nur ein Anschauungsbeispiel. Ich wollte dir damit nur aufzeigen, dass das mit der Ordnung, die man nicht sieht, gar nicht so einfach ist. Da sagt man so einfach schulmeisterlich: Ordnung ist das halbe Leben! Wenn das so wäre, dann bräuchte ich gar keine Ordnung mehr zu halten. Ordnung macht sich nicht von selbst. Sie ist das ganze Leben.“
„Ich sehe: Was die Ordnung angeht, bist du unschlagbar. Oder vielmehr im Reden darüber. Sie ist deine Beschäftigung. Die meinige ist es nicht.
„Sonnenklar, das sehe ich ein und gebe dir recht. Wie konntest du nur von zuhause fortlaufen, ohne zu wissen, wo die Figur ist, die verschwand. Du gehst davon aus, dass sie unter dem Tisch liegt oder unter dem Schrank. Dort hast du sie nicht gefunden. Wie kannst du ein ruhiges Gewissen haben? Wie konntest du so fahrlässig handeln? Hast du die Welt aufgegeben? Das Schachspiel hat eine sehr begrenzte Anzahl an Figuren. Da kommt es auf jede einzelne an, und du läufst einfach davon, als ob es auf diese eine Figur nicht ankäme. Wie kann dir so etwas als einem Schachspieler widerfahren? Es ist, wie wenn der Hirt jenes Schaf allein lässt, von dem er weiss, dass es in eine Felsspalte gestürzt ist. Wie konntest du so etwas tun?“, fragte Ida der Verzettler, während er einen weiteren Zettel in eine Beige schob, und schloss mit der Bemerkung: „In deinem Kopf ist eine grosse Unordnung.“
„Du magst recht haben. Es war nicht klug, das Haus zu verlassen, ohne die Figur gefunden zu haben.“
„Ja, bei dir ist etwas nicht in Ordnung. Du bist etwas durcheinander. Dir muss man wieder auf die Beine helfen. Ida, schenk noch einen aus. Kabar ist am verdursten. Sein Gehirn trocknet aus. Er weiss darum gar nicht mehr, ob er Ordnung hat! Er hat jedenfalls die Übersicht über alles, was er tut, verloren. Ida, schenk noch mal aus.“
„Nur nicht so eilig“, kam es von hinter dem Tresen. „Erst muss ich die Gläser holen und dann wird es sein, was es immer ist. Kab, du nimmst das Gleiche noch einmal, denke ich. Und Ida auch. Macht’s nicht kompliziert. Wenn ihr kompliziert bestellt, führt das nur dazu, dass ich länger brauche.“
„Du hast gut gesprochen“, sagte Ida der Verzettler zu Ida, welche die Gäste im Lokal versorgte. „Wenn Kabar so vernünftig denken würde wie du, hätte er keinen Durst und wüsste, wo er steht. Jaja, Kabar, du bist nicht sehr weit gekommen auf deinem Gang zur Polizei. Nun, sie wird weiter warten müssen. Du musst aber zur Polizei. So etwas erfindet man nicht. Mit der Polizei spielt man nicht. Ein solches Spiel kann man nur verlieren. Du musst. Soll ich dich begleiten?“

Fortsetzung

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