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ai Schachtel 1

Etwas zögerlich antwortete Kabar Extas: „Ach, Ida, halt mich nicht auf! Ich bin in Eile. In schrecklicher Eile. So sehr in Eile, dass ich bereits eine Schachfigur verloren habe und sie nicht finden kann. Ja, ich weiss: verlieren und finden schliessen sich in dem Fall aus. Denn hätte ich sie gefunden, Zeit gefunden in meiner Eile, um sie zu suchen, dann wäre sie nicht mehr verloren. Es ist aber so, dass ich weiss, wo sie ist oder wenigstens sein muss, nämlich unter dem Tisch oder dem Schrank. Dort habe ich sie aber bisher nicht gefunden. Dort muss sie aber sein. So gesehen ist sie nicht verloren, sondern zurzeit nicht auffindbar. Der Verlust ist darum eine temporär begrenzte Angelegenheit. Sobald ich in meiner Wohnung zurück sein werde, wird sich die Sache von alleine lösen. Davon gehe ich aus, und darum rege ich mich nicht auf.“
„Was quatscht du da? Ich dachte, du seiest in Eile. Und jetzt hast du Zeit, mir einen Vortrag über eine verlorene Figur zu halten, die gar nicht verloren ist. Wie soll ich dich da verstehen? Entweder bist du in Eile, oder dann bist du es nicht. Und wenn ich dich so reden höre über deine Figur, dann muss ich sagen, dass du nicht in Eile bist.“
„Doch, das bin ich. Ich bin nämlich von der Polizei aufgeboten. Ich sollte längst auf den Posten sein. Die Polizei lässt nicht mit sich spassen. Wer dem Aufgebot nicht folgt, dem kann das teuer zu stehen kommen. Das Schlimme an der Geschichte ist, dass diese Figur rundweg vom Spielfeld verschwunden ist. Dieser unvorhergesehene Zug einer Figur, der zudem ganz ohne die Hilfe eines fremden Schachspielers ausgeführt wurde, noch von mir, hat mich daran gehindert, aufzubrechen. Ich glaube nicht an Zauberei. Das ist nicht meine Art. Die Figur ist auf ganz natürlichem Weg vom Brett verschwunden. Das ist aber nicht ein Grund dafür, dass ich nicht mehr nach der Figur suche, jetzt. Obwohl, das sage ich dir in aller Deutlichkeit: Ein Spiel muss vollständig sein, damit es beendet werden kann. Eine Figur, die aus dem Rahmen fällt, verhindert, dass ein Spiel beendet werden kann. Die Regel sieht nur einen Fall vor, der erlaubt, dass eine Figur das Spiel verlassen darf. Wenn sie durch eine andere Figur geschlagen wird, dann hat sie neu ihren Platz neben dem Schachbrett und nicht irgendwo auf dem Boden. Steht eine Figur neben dem Brett, dann weiss man auch, wo sie ist. Wenn eine Figur aber einfach so, aus eigenem Antrieb, vom Feld verschwindet, dann ist das gegen die Regeln und geht das nicht. Tritt dieser Fall ein, dass eine Figur nicht mehr zu finden ist, dann ist das nicht mehr Schachspiel, sondern irgendetwas anderes, jedenfalls etwas, das sich nicht Schach nennt. Schach hat seine Regeln, denen es auch folgt.“
„Mir machst du nichts vor. Du willst dich vor der Polizei drücken. Warum bist du eigentlich hier und nicht schon auf dem Posten? Du hast eine unheimliche Unordnung in deinem Denken. Das kommt davon, wenn man Schach und verschwundene Figuren im Kopf hat. Wenn du deiner verlorenen Figur wie einer verlorenen Geliebten weiter nachtrauerst, wirst du auch das Schachspiel selbst verlieren und es nicht mehr finden. Dann wird es mit dir aus sein.“
„Was willst du damit sagen? Ich lasse die Finger von deinen Papieren. Soll ich diese um deinen Kopf werfen? Nein, das tu ich nicht. Darum lass auch deine Finger von meinem Spiel. Dieses stört dich nicht. Und dass ich eine Figur nicht finden kann, kann geschehen. Was mir da passiert ist, ist gar nicht so schlimm, denn ich weiss, dass sie unter dem Tisch oder dem Schrank liegt. Ich brauche nur dort nachzuschauen, und ich werde sie finden. Denn dort hat es nicht so Zettel wie diese hier auf deinem Tisch und bei denen man das Gefühl hat, in den Haufen liesse sich nicht finden, was man sucht, obwohl ich sehr gut weiss, dass du in deinen Haufen findest, was du suchst. Genau so verhält es sich mit meinen Figuren. Sie stehen zu Beginn des Spiels in Reih und Glied, und während des Spiels folgen sie einer festgelegten Ordnung. Dass dabei eine Figur ausschert, kann vorkommen. Bei mir hat aber jede Figur wieder aufs Brett zurück gefunden. Schon rein deswegen brauche ich mir keine Sorgen um die Figur zu machen, die zurzeit unterwegs ist, irgendwo auf dem Boden.“
„Du magst recht haben. Damit hast du mir aber nicht erklärt, warum du noch nicht auf dem Posten bist. Es ist Aufgabe jedes Staatsbürgers, auf dem Posten zu sein, wenn die Polizei ruft. Wo ist da noch die Ordnung? Du sitzest aber hier, als ob dich die Polizei nicht einbeordnet hätte. Und darum muss ich wohl davon ausgehen, dass die ganze Geschichte mit der Polizei eine Mär ist, die du erfunden hast, um von einem wahren Problem abzulenken. Willst du aufhören Schach zu spielen? Willst du dich von Schachspiel trennen?“
„Nein, derart drastisch ist das mit der Polizei nicht. Ich will nicht mit dem Schachspiel aufhören. Wie kommt dir nur so eine Idee. Dieses wird weitergehen, sobald ich die Figur wieder gefunden und ins Spiel zurück gesetzt habe.“
„Folglich liegt dein Problem nicht im eigentlichen Schachspiel. Das beruhigt mich. Es wäre schlimm, wenn du das Schachspiel aufgeben würdest. Da ist also noch diese Schachfigur, die du nicht finden kannst. Auch wenn du das Gegenteil behauptest: Du machst dir Sorgen um diese Figur, die du nicht mehr finden kannst. Das Beste wird es sein, dass du jetzt nach Hause gehst und nach der Figur suchst. Auf diese Weise werden dir nicht so Gedanken kommen wie zum Beispiel, dass du von der Polizei aufgeboten worden bist. Wenn jemand so in Gedanken ist wie du wegen einer Sorge um irgendetwas, dann kommen so einer Person sehr schnell solche Ideen wie die, dass sie von der Polizei aufgeboten worden ist. Auch ich würde mir Sorgen machen, wenn, wie in deinem Fall mit der Figur, bei mir plötzlich durch ein unvorhergesehenes Geschehen meine Zettel durcheinander geraten würden. Auch ich würde in einem solchen Fall davon ausgehen und meinen, ich sei von der Polizei aufgeboten worden. Denn Polizei ist Ordnung.“
„Du meinst also, dass ich von der Polizei gar nicht aufgeboten worden bin, und wenn ich die Figur finden würde, dann würde sich die Sache mit der Polizei von selbst lösen.“
„Ja, das denke ich, das ist so. Man muss das, was man über die Polizei denkt, nicht immer beim Wort nehmen. Über die Polizei denkt man viel nach, und eigentlich will sie gar nichts von uns. Das ist unser Irrtum, dass wir glauben, die Polizei wolle etwas von uns. So wird es auch dir ergangen sein. Du nimmst das Schachspiel viel zu ernst, und darum kommst du auf derart seltsame Gedanken, du seiest aufgeboten worden. Ich gehe davon aus, dass du heute wieder den ganzen Tag, also wenigsten den Teil vom Tag, der bis jetzt dauerte, vor dem Brett gesessen bist und gegen dir selber gespielt hast. Das ist nicht gesund. Solches verwirrt. Mit der Zeit wirst du dir selber zum Gegner, und darum erstaunt es mich gar nicht, dass du zur Polizei willst, um dich vor dir selber zu schützen. Gleichzeitig gaukelst du dir vor, damit du nicht vor dir selber Angst hast, du, der du dir zum eigenen Gegner geworden bist, du, dem der grösste Freund zum grössten Feind geworden ist, die Polizei sei nun dein Freund und habe dich darum aufgeboten. Das ist alles Selbsttäuschung! Und du hast das selber durchschaut. Der beste Beweis dafür ist, dass du nicht auf dem Posten gelandet bist, sondern hier, bei den Konterkarierten, damit sie dir sagen, was mit dir ist.“
„So wird es sein. Und alles wegen der Schachfigur, die unter dem Tisch liegt oder dem Schrank. Es steht wahrlich schlimm um mich. Was soll ich tun? Es wird wohl das Klügste sein, ich kehre nach Hause zurück und bringe die Figur wieder auf das Brett. Spätestens danach werde ich wieder klar sehen. Ein nach allen Regeln der Kunst ausgeführtes Schachspiel vermittelt Klarheit und beruhigt.“

Fortsetzung

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