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ah Mouvement

Als erstes fiel auf, dass sich die Inneneinrichtung nicht auf den Kontrast hell und dunkel, das Unterscheidungsmerkmal im Schachspiel der Figuren der zwei Gegner, beschränkte – was natürlich ein erhellendes Licht auf die Ausstattung von Kabar Extas Wohnung warf. Seine Bleibe entsprach der Übersichtlichkeit des Schachspiels. Die Innenarchitektur war nach den Prinzipien der Sachlichkeit ausgewählt. Doch wenn Kabar Extas etwas suchen musste, kam es vor, dass er die Übersicht aufgrund der Vielzahl an möglichen Fundorten trotzdem verlor.
Ganz anders das Lokal. Lediglich eines hat es mit der Wohnung des Schachspielers gemeinsam: Wenn hier etwas verloren ging, dann konnte sich die Suche auch sehr lange gestalten. Eine Vielzahl an Gegenständen wie Flaschen, Gläser, Lampen, Vasen, Strohblumen und weiteren Nippsachen sowie Stuhl– und Tischbeine, Ecken und Säulen boten eine Vielzahl an Orten, wo sich etwas, das verloren ging, verbergen konnte. Und: Was heisst schon anders? Anders ist für jeden anders. Für die einen ist das Meer das Andere, für andere die Berge. Um etwas anders zu erleben, reisen die einen ans Meer, jene aus dem Bergen, und in die Berge jene vom Meer.
Für Kabar Extas waren hier die Tassen, Gläser und Flaschen anders als bei ihm zu Hause. Im Lokal standen sie in Reih und Glied, als kämen ihnen die Bedeutung von Figuren in einem Schachspiel zu. Zu Hause waren Schachgedanke und Haushaltsartikel streng voneinander getrennt. Die Flaschen an diesem Orten standen wie Soldaten in zwei Reihen hintereinander und verteilt zudem über vier Regale. Sie schillerten in den verschiedensten Farben, variierten also nicht in den beiden Einheitsschattierungen von Schachfiguren und Spielfeld wie zu Hause bei Kabar Extas. Hier war geradezu ein energiereicher Denkvorgang nötig, um sich für ein Getränk zu entscheiden. Von den Gestellen und Werbeflächen leuchtete eine Vielzahl von Etiketten. Es war, als müsse man sich bei der Auswahl einen Zug überlegen. Doch Schach wollte Kabar Extas an diesem Ort nicht spielen. Darum überlegter er nicht lang an einem Zug herum, sondern entschied sich äussert schnell, als wäre die Schachuhr auf Schnellschach eingestellt, für jenes Getränk, das er üblicherweise nahm.
Aufgetischt wurde ihm, was er in der Schnelle entschieden hatte. Vielleicht hatte er den Zug voreilig ausgeführt. Das würde sich später herausstellen. Der Zug war Kabar Extas Sorge nicht. Er wandte sich Anderem zu.
Im Lokal bediente eine Frau, die der schlichten Schönheit schlanker Schachfiguren nicht entsprach. Es war auch wieder so eine Sache, der Kabar Extas, das Bestellte an den Lippen, lange nachsinnen konnten: Warum waren die Schachköniginnen nicht dick? Der Sinnende kam zum Schluss, dass die Schachfelder ganz einfach zu klein waren, um voluminöse Schachfiguren aufnehmen zu können.
Das Lokal hingegen verfügte über viel Platz. Die Tische standen nicht eng aufeinander, nicht dicht an dicht wie die Felder auf dem Schachbrett. Auch der Raum hinter dem Tresen war relativ weit.
Die Frau war mollig. Das hatte seinen Scharm. Streng genommen war sie rundlich, entsprach also nicht dem, was man auf dem Schachfeld in der Regel fand. Kanten und Ecken hatte die Dame jedoch, wenn sie sprach. Diese entsprachen aber nie und nimmer dem, was sich Kabar Extas von Welm anhören musste. Hier kam es gelegentlich zu freundschaftlichen Wortduellen, die aber meist schnell verebbten, weil die Frau andere Tische bedienen musste oder eine Maschine im Hintergrund der Bar Aufmerksamkeit erforderte.
Die Präsenz der Frau verlieh dem Lokal eine angenehme Note. Kabar Extas brauchte hier nicht jeden Zug, vielmehr jedes Wort, das er äusserte, auf die Goldwaage zu legen. Der Gast traf auf Verständnis. Das bügelte manchen Fehlgriff, manches zu viel gesagte Wort aus. Wobei Kabar Extas nicht jener Gast war, der viel sprach und dem darum viel vergeben werden musste. Seine Stippvisiten im Lokal waren gern gesehen. Davon ging er aus.
Das Lokal hatte etwas von einer flauschigen Art, die nach Reinem roch. Im Lokal bestimmte nicht die Klarheit, was zu geschehen hatte. Die Klarheit stellte sich selber ein Bein, besonders dann, wenn der verbale Tatendrang durch Beifügung von Getränken rauschhaft in sein Gegenteil gekehrt wurde. Die Klarheit war eckig, das Cafè zur Konterkariert rund.
Das Lokal präsentierte noch weiteres Zubehör. Da war etwa Ida der Verzettler. Er sass von früh bis spät in einer Ecke und überwachte, was im Raum alles geschah, ohne aber dass er hier Besitzer war oder von letzterem einen Auftrag für eine Überwachungsaufgabe erhalten hatte. Jedes Mal, wenn Kabar Extas den Ort betrat, zu allen Tageszeiten, war dieser Beobachter zugegen. Er sass da und hatte immer viel zu tun. Denn auf seinem Tisch befand sich jeweils eine Unzahl an Zetteln, die Ida der Verzettler, wie er hier genannt wurde, sortierte und einordnete. Kabar Extas kannte seinen wirklichen Namen nicht. Auch wenn Ida sehr viel Zeit für seine Aufgabe aufwandte: Der Zettel wurden nicht weniger. An Arbeit mangelte es ihm nie – wobei Arbeit in diesem Fall das falsche Wort ist. Denn eine Arbeit wird mit einem Lohn, in welcher Form auch immer, bezahlt. Im Fall von Ida der Verzettler war nicht auszumachen, was der Lohn hätte sein können; nicht einmal Ordnung, die eigentlich hätte erreicht werden müssen, nachdem alle Zettel eingeordnet und somit versorgt waren. Der Berg an Zetteln wurde nie kleiner. Aus diesem Grund war das, was Ida der Verzettler tat, nicht Arbeit, sondern Beschäftigung.
Dieser ging er offenbar tagsüber ohne Unterbruch nach. Ob er sich auch nachts dieser Tätigkeit widmete, wusste niemand im Lokal. Vielleicht war er dann auf Sammeltour. Ihm musste nur eine Zeitung in die Hände fallen – von diesen lagen einige im Lokal auf –, schon landete sie auf seinem Tisch und wurde in den Zettelkreislauf integriert. Die Zeitung wurde nicht zerzaust, sondern zerlegt. Ihre Teile wurden fein säuberlich – sofern es überhaupt statthaft ist, dieses Wort bei der Beschreibung dieser wirr anmutenden Aktionen einzusetzen – den bereits auf der Tischplatte liegenden Häufchen beigelegt.
Wie anders war da Kabar Extas Welt! In dieser hielten keine neuen Felder Einzug. Es gab deren vierundsechzig und kein einziges mehr. Das Schachbrett liess keine Erweiterung zu. Kabar Extas konnte nur darüber staunen, wie Ida der Verzettler neue Zettel herbei schuf, um sie zu verarbeiten und sie in sein Ordnungssystem zu integrieren. Jeder Zettel hatte seine Bedeutung. Wenn nicht, hätte er unmöglich in Idas Ordnungssystem gepasst. Dieses war eine Welt, die faszinierend sein musste, Kabar Extas aber nicht verstand.
Er konnte Ida der Verzettler bei seiner Tätigkeit lange zusehen – und langweilte sich dabei nicht einmal. Der beobachtende Schachspieler versuchte jeweils zu ergründen, ob in dem Tun Regeln auszumachen waren, ob jener seine Zettel nach gewissen Regelmässigkeiten ablegte. Bisher hatte der interessierte Beobachter aber nichts derartiges entdeckt. Um Ida herum lag immer eine grosse Anzahl von Zetteln, die aus verschiedenen Quellen stammten. Vermutlich versorgte dieser auch die Kassa–Quittung in seinem Schatz. Abends nahm er die verschiedenen Papierhaufen mit.
„Hei, Kabar, wieder mal auf der Walz!“ Mit diesen Worten wandte sich Ida über verschiedene Tische hinweg an den Neueingetretenen.
Ida der Verzettler vergriff sich nie. Seine Bewegungen wirkten sicher und kontrolliert. Die Finger griffen immer zielgerichtet in die Haufen. Da und dort klaubte Ida einen Zettel hervor, um ihn an anderer Stelle abzulegen. Die Aktionen wirkten überlegt, entsprechend einem gut durchdachten Schachzug, der mit sicherer Hand ausgeführt wird. Nur! Kabar Extas gelang es nie, wie sehr er auch sein in unzähligen Schachspielen geschultes analytisches Denksystem strapazierte, während der Sessionen im Cafè zur Konterkariert herauszufinden, gegen welchen Gegner Ida spielte. Es schien, als stehe Ida keinem Gegner gegenüber und ziehe doch seine Züge, Zettel für Zettel, unermüdlich. Für einen Schachspieler waren die Zusammenhänge nicht durchschaubar.

Fortsetzung

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