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Eigentlich hätte Kabar Extas Welm, der von einer Reise zurück kam, am Bahnhof empfangen sollen. Den rechtzeitigen Aufbruch zum Bahnhof verpasste er aber aus Unachtsamkeit. Sein Kopf war beim Spiel gewesen. Schachspiel verpflichtet und entschuldigt. Oder etwa doch nicht? Die Antwort lag auf dem Boden, die verlorene Figur war die Strafe.
Welm hatte sich wohl geärgert, als er aus dem Zug ausstieg und Kabar Extas entgegen der Abmachung auf dem Perron nicht zu finden war. Er ahnte vermutlich, dass Kabar Extas wegen eines Zugs nicht zum Zug gekommen war. Aber Welm kannte den Weg zu Kabar Extas Bleibe, auch den direkten. Es war nicht das erste Mal, dass Kabar Extas bei der Ankunft Welms in einem Spiel hängen blieb und darum mit so grosser Verspätung am verabredeten Ort eintraf, dass der andere sich schon nicht mehr dort befand. Und es war nicht das erste Mal, dass Kabar Extas wegen Welm einen Anruf erhielt – ganz so, als sei Welm ein Hund, der verloren gegangen war, und er dessen Herrchen, den man anrief, nachdem die Hundemarke des Köters ausgewertet worden war. Wir haben ihn gefunden, hätte es aus dem Posten dann etwa getönt. Seien Sie doch so nett und kommen vorbei, um ihren Fifi in Empfang zu holen. Er wartet sehnsüchtig auf Sie!
Nein, Welm war kein Hund, den man an der erst besten Strassenecke auflas. Zu bedeutend war sein Name, zu gross die Hoffnungen, die sich mit seiner Person verbanden. Welm war auf seine Art ein Mann von Welt. Er interessierte. Er wurde allgemein geachtet – ansonsten wäre man nicht mit einem Anruf an Kabar Extas gelangt. Auch ohne dass er wusste, was jener getan hatte, wusste Kabar Extas, dass man auf dem Posten nicht lange gefackelt hätte, in einem anderen Fall, und den Mann für das, was er getan hatte, ins Loch gesteckt hätte. Aber, es handelte sich um Welm, den man auf dem Posten zurück hielt.
Welm bedeutet etwas. Er war nicht irgendwer. Der Posten wollte sich an ihm nicht die Hände verbrennen und danach für etwas gerade stehen müssen, was schlimme Presse nach sich zog. Von Welm liess man am besten die Finger. Er war ein heisses Eisen, keine faule Tomate, die man so schnell wie möglich von sich weg haben will, in den nächsten Abfalleimer. Welm musste man erst mal abkühlen lassen, wenn er auf dem Posten war. Erst dann konnte man ihn anfassen, eben über Kabar Extas, der ihn jeweils am besten gleich mitnahm. Man wusste, wer Welm war, und brauchte ihn nicht in Haft zu nehmen, weil Fluchtgefahr bestand. Welm konnte nicht untertauchen. Er war zu bekannt.
Welm war ein schützenswertes Individuum. Es galt ihn zu bewahren, solange es sein Leben zuliess, solang er lebte. Kabar Extas war der kleine Fisch, der Welm am Leben erhielt, und darum geholt wurde, wenn der andere eben wieder einmal auf dem Posten gestrandet war. Was Kabar Extas seine auf Ordnung gebaute Zuverlässigkeit war, war Welm sein Ruhm, der ihm erlaubte, sich in Gesellschaft und Welt auch tollpatschig und zuweilen ruppig zu benehmen.
Solche Überlegungen stellte Kabar Extas an. Die Partie mit der Figur gab er fürs Erste verloren. Er würde aber auf dieses Spiel zurückkommen und, davon war er überzeugt, dieses auch gewinnen, indem er die Figur fand, auf ihren Platz zurück stellte und dann das Matt ins Spiel brachte. Die Figur hatte jetzt gut lachen, das Nachsehen würde aber sie haben! Jetzt ging es darum, das Spiel gegen Welm zu gewinnen. Den ersten Zug hatte dieser bereits getan, indem er auf dem Posten gelandet war. Es handelt sich dabei um einen Überraschungszug. Diesen galt es geschickt zu parieren.
Doch Kabar Extas gelang es nicht, diesen Zug zu durchschauen. Der Schachspieler scheiterte an Zweck und Sinn des Aufenthaltes von Welm auf dem Posten. Kabar Extas sah nur, dass gezogen worden war, aber nicht was und wohin. Er war dran mit dem nächsten Zug. Der musste gut überdacht werden, denn Welm würde wie immer mit spitzer Zunge auf Kabar Extas Selbstbewusstsein loshacken und über das Schachspiel spotten. Mit dem war zu rechnen. Das war ein Zug, der gezogen werden würde, aber erst später, dort, auf dem Posten.
Welm sollte hierher kommen. Wie sah die Wohnung aus! Er konnte doch Welm nicht in diesem Durcheinander von bereitgestelltem Geschirr und solchem, das noch gewaschen werden musste, bevor es wieder bereit gestellt werden konnte, empfangen.
Erst die Figur, nun das Geschirr! Was sollte aus diesem Tag noch werden?
Welm würde sich sicher nicht an Kleinigkeiten wie nicht abgewaschenem Geschirr stossen. Über solche Details des alltäglichen Lebens sah er hinweg. Es hätte ihn auch nicht gestört, wenn Kabar Extas aufgrund einer anderen gesellschaftlich-kulturellen Einstellung zur Pflege von Natur und Umwelt an Stelle des Abwaschgeschirrs biologisch abbaubare Teller und ebensolches Besteck verwendet hätte. Vielmehr hätte er die Frage erörtert, ob es besser sei, Teller oder Besteck gleich mitzuessen, statt beides für den Komposthaufen aufzubewahren. Ja, Welm hätte an solchen Produkten mit Sicherheit Gefallen gefunden. Denn ihn interessierten weniger Geschirrspülmittel als vielmehr das, was als Kleingetier kreucht und fleucht. Dieses Gewürm, das die Restbestände auf Tellern und an Messern und Gabeln mit der Zeit in eine ungeniessbare Masse verwandelt, hätte als Beigabe zu Welms Aufenthalt in der Gastwohnung wohlmöglich sogar dessen uneingeschränktes Interesse und damit Wohlwollen gefunden.
Ungewaschenes Geschirr war somit sogar der bessere Willkommensgruss an Welm als Einweggeschirr, das sich im Komposthaufen mit Salatblättern, Tomaten, Baumblättern und Ästen vermengt und schliesslich zersetzt. Ungepflegtes Geschirr, im Abwaschtrog selber oder daneben als Abwaschvorrat aufbewahrt, widersprach aber vollkommen der Lebenseinstellung Kabar Extas, der Ordnung und Sauberkeit als eigentliche Diener seines Daseins empfand. Einweg- oder Biogeschirr führte dieser nicht im Haushalt. Und auch nicht unsauberes Geschirr. Das, heute, war eine Ausnahme. Der Posten hatte wirklich zu einem unmöglichen Zeitpunkt angerufen.
Zudem war sich Kabar Extas nicht ganz klar darüber, für welches Getier sich Welm genau interessierte. Welms Getier war klein, das war sicher. Ob es aber zwischen den Zähnen einer nicht gereinigten Gabel hauste? Diese Frage liess der Schachspieler unbeantwortet. Denn so genau kannte er der Wirkungsfeld Welms nicht.
Das ungewaschene Geschirr lag im Abwaschtrog und musste nach wie vor dem Zustand erneuter Nutzung zugeführt werden. Geschirr, welches als bakterieller Herd für allerlei Ungeziefer vor sich hin modert, passte nicht in die Schachordnung, die vorschreibt, dass die Figuren auf dem Brett sauber aufgestellt werden müssen: auf einem Feld nur eine Figur.
Die kluge Hausfrau hat für alles ein Rezept, nur nicht für ein gelungenes Schachspiel, nachdem diesem eine Figur abhanden gekommen ist. Die Hausfrau weiss, wie dem Problem des ungewaschenen Geschirrs am effizientesten beizukommen ist. Nicht so Kabar Extas. Das Geschirr war ein Ärgernis, das seine Gedanken durcheinander brachte, und er darum nicht wusste, wie er die Sache anpacken sollte. Eine Hausfrau hätte hingegen bereits, während sie das, was Kabar Extas beschäftigte und er hin und her überlegte, Hand angelegt, die Küche in Ordnung gebracht und nicht zugewartet, bis sie das Für und Wider der belastenden Angelegenheit durchdacht hätte. Sie hätte ihren Zug auf dem Brett mit Verstand in der dafür vorgesehen Zeit – die Schachuhr gab diese vor – ausgeführt.
Die Figur war gefallen. Der Zug war ab. Das war klar. Dem Geschirr war kein Vorrang zu gewähren. Diese Einsicht hatte sich durchgesetzt. Kabar Extas hatte die Figur nicht gefunden. Traurige Realität. So lautete die Bilanz des Tages. Der Schluss daraus: Das Geschirr konnte warten. Kabar Extas überlegte zudem, ob es nicht sinnvoll wäre, das Schachspiel ganz aus dem Haus zu nehmen, so dass es nicht mehr zu einer Kollision zwischen Schach und Geschirr kommen konnte. In einem Club beispielsweise waren Schach und Küche streng getrennt. Keine schmutzige Gabel lenkte als Fussangel der Gedanken und wiederkehrender Ruf des schlechten Gewissens die Aufmerksamkeit ab.
Der Idee einer Trennung von Küche und Schach in seinem Haushalt wollte Kabar Extas nachgehen. Keine Küche würde der Muse des Spiels sehr bekommen! Es war aber jetzt nicht der Zeitpunkt, Überlegungen über die Küchenregelung anzustellen.

Fortsetzung

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